Als mein Geld die Seiten wechselte

Meistens sind es die „Anderen“, die Opfer von Taschendieben werden. Ist ja auch logisch, zumindest statistisch gesehen. Wenn es dann entgegen aller Wahrscheinlichkeit einem selbst widerfährt, ist man doch ganz schön geplättet. Also geplättet ist stark untertrieben, jedenfalls, wenn ich der „man“ bin.

Mir passiert schon nichts

Komisch ist, dass ich daran gedacht habe, mich vor Taschendieben zu schützen. Leider fällt mein Schutz nur sehr laienhaft aus, weil ich keine Ahnung davon habe, wie sie vorgehen. Bei mir reicht eine kurze Unaufmerksamkeit, und es ist geschehen. Mitten im Urlaub im Ausland. Es muss beim Einsteigen in die U-Bahn gewesen sein, im Gedränge, weil die Tür gerade geschlossen wurde. Meine Frau war schon drin, und so wollte auch ich unbedingt noch mitfahren. Mein Kontrollgriff findet plötzlich meinen Geldbeutel nicht mehr.

Jetzt ist das so eine Sache, wenn man es gleich merkt. Denn wer von den vielen Umstehen könnte es gewesen sein? Ich stelle erst einmal alle im Waggon unter Generalverdacht. Dass ich mich verhalte, wie es Staaten derzeit gemeinhin tun, fällt mir erst viel später auf. Ich stehe also plötzlich hilflos und gedemütigt in der U-Bahn, verdächtige alle Umstehenden und warte auf die nächste Haltestelle. Der Dieb wird sicherlich dort aussteigen.

Nun ist es doch passiert

Blöd nur, dass es zu viele Aussteiger sind. Daher ist es unmöglich, einen Verdächtigen zu identifizieren. Außerdem wäre es ja auch möglich, dass, wenn der Dieb mich aussteigen sieht, er einfach weiterfährt. Ich steige jedenfalls aus und bleibe auf dem Bahnsteig stehen. Jetzt trifft mich endgültig die ganze Hilflosigkeit. Der Urlaub ist vorbei und die Arien mit den Banken und der Verwaltung gehen los.

Was ist alles in meinem Geldbeutel drin? Spätestens jetzt wird mir bewusst, wie dumm es ist, alles an einer einzigen Stelle aufzubewahren. Neben dem Geld ist natürlich auch die Kreditkarte geklaut worden. Hotel ist glücklicherweise schon bezahlt. Doch jetzt kommt die Frage auf, wie ich an den Treibstoff für die Heimreise komme. Die Gedanken fangen an, sich mit irrsinniger Geschwindigkeit gegenseitig zu verjagen.

Hilflosigkeit und Wut

Kreditkarte. Die muss gleich gesperrt werden. Wut kommt langsam hoch. Wie kann der mir mein halbes Leben klauen? Personalausweis, Fahrzeug- und Führerschein sind „natürlich“ auch weg. Ich hätte alle fotografieren sollen, die in der U-Bahn um mich herum standen. Warum kommen mir die besten Ideen immer erst hinterher? Warum bin ich eigentlich so blöd und habe immer alles in meinem Geldbeutel? Das habe ich nun davon.

Der Urlaub ist vorbei! Hatte ich das schon erwähnt? Und als ob das nicht schon entsetzlich genug wäre … ich wage es nicht, meiner Frau in die Augen zu sehen. Wie sperre ich jetzt die Kreditkarte? Ah, mein Handy ist noch da. Aber warum speichere ich dort eigentlich keine Notfallnummern, um beispielsweise schnellstens meine Kreditkarte sperren zu lassen? Ich wusste gar nicht, dass meine Urlaubsvorbereitungen so mangelhaft sind. Wo ist eigentlich die nächste deutsche Botschaft?

Der ganze Behördenkram

Meine Frau macht mich auf zwei Polizisten am Ausgang aufmerksam. Die sollten mir doch helfen können. Okay, jetzt fehlen mir die Sprachkenntnisse. Ich fühle mich hilflos. Zum Glück kann ich das ganz gut verdrängen und bekomme von einem der Polizisten in gebrochenem Englisch den Hinweis, dass gleich hinter dem gegenüberliegenden Ausgang eine Polizeiwache wäre.

Nach kurzem Suchen haben wir sie gefunden, haben geklingelt und Einlass bekommen. Ganz ruhig bleiben. Die freundliche Empfangsdame reicht mir ein auf deutsch gehaltenes Formular, wo ich meine Daten und den Tathergang eintragen kann. Irgendwie beruhigt es mich, hier auf der Wache zu sein. Ich bin tätig geworden. Ich beginne, meine Sachen zu regeln. Aber den Schwall meiner unsinnigen Gedanken in Form von Verurteilungen und Selbstbezichtigungen kann ich noch nicht aufhalten.

Vorübergehende Ablenkung

Es wird eine Dolmetscherin geholt, die mir bei Ausfüllen des Formulars hilft. Das Anfertigen des Protokolls werde etwa eine halbe Stunde dauern, weil meine Aussagen erst übersetzt werden müssen. Ich frage die Empfangsdame nach der Adresse der deutschen Botschaft. Sie schreibt sie mir auf und zeigt mir die Stelle auf dem ausgehängten Stadtplan. Ich bin jetzt sicher, dass mir mein Geldbeutel im Gedränge gestohlen wurde, als die Tür des U-Bahnwagens geschlossen wurde.

Mir wird die deutsche Übersetzung einer Rechtsbelehrung zum Durchlesen übergeben. Auch hier können sie das mit dem Beamten- bzw. Juristendeutsch ganz gut. Ich verstehe nicht wirklich, welche Möglichkeiten und Risiken meine Unterschrift unter das Protokoll bedeuten werden. Außerdem drehen sich meine Gedanken immer noch um Hilflosigkeit, Pech und die unverschämte Tatsache, dass es jemand gelungen ist, mich zu beklauen. Wer war das? Was würde ich tun, wenn ich ihn in meine Finger bekäme?

Abstruse Hoffnung

Meine hypothetischen Gedanken werden manchmal durch ein Klingeln unterbrochen, wenn jemand Einlass begehrt. Es sind nicht viele, die der Polizeiwache etwas zu melden haben. Für einen kurzen Moment denke ich, dass jemand meinen entleerten, weggeworfenen Geldbeutel findet und hierher bringt. Aber so etwas ist ja so unwahrscheinlich … so viel unwahrscheinlicher als die Möglichkeit, dass ausgerechnet ich beklaut werde. Immerhin, möglich wäre es. Und vielleicht sind dann wenigstens die Papiere drin. Ich akzeptiere den Gedanken.

Das mit dem Protokoll zieht sich hin. Es ist schon eine dreiviertel Stunde vergangen. Warum habe ich eigentlich immer alles in meinem Geldbeutel? Vor allem, warum muss ich auch immer meine Papiere dort mit mir herumschleppen? Mir fällt auf, dass ich inzwischen mehr über mich verärgert bin als über den Dieb. Ich vertreibe mir die Zeit mit Selbstzweifeln und allen möglichen „hättest du doch nur“ oder „wenn du doch nur“. Ab und zu rufe ich mich auch zur Ordnung. Jetzt ist es passiert und es gibt nichts, das es ändern könnte.

Hinterher weiß auch ich es besser

Alle Möglichkeiten, mit denen ich gedanklich meine Wartezeit ausschmücke, sind und bleiben Möglichkeiten. Ich aber muss jetzt der Realität ins Auge sehen. Ich muss mich beruhigen und auf das konzentrieren, was jetzt zu tun ist. Es klingelt wieder und ich denke genervt, dass eine weitere Störung überflüssig ist, ich will hier raus. Mein Protokoll sollte langsam fertig werden, da ich ja noch einiges zu erledigen habe, bevor ich die Heimreise antreten muss.

Es wird diskutiert dort am Tresen, ich weiß nicht über was. Ich sehe mir das an, weil ich nichts anderes zu tun habe, und weil mich das von meinen mich peinigenden Gedanken ablenkt. Mein Interesse wird ganz plötzlich von einem schwarzen Gegenstand geweckt, den der Mann aus seiner Tasche holt. Ich sehe nichts, doch eine Hoffnung keimt in mir auf. Die diskutieren mir viel zu lange. Ich will wissen, ob der meine Geldbörse gefunden hat.

Die Wendung

Ja, es ist mein Geldbeutel. Die Dolmetscherin kommt und sagt mir, dass der Mann ihn gefunden habe. Ich erkundige mich gleich nach dem, was noch drin ist. Sie sagt, es sei kein Geld drin, mehr wisse sie nicht. Sie werden den Fund jetzt mit in das Protokoll aufnehmen. Das könne dauern, wie vorhin etwa eine halbe Stunde. Zur Erleichterung kommt jetzt die Hoffnung. Ob vielleicht die Kreditkarte noch drin ist? Ich bedanke mich bei dem Finder. Finderlohn gibt es leider nicht, bin gerade nicht flüssig, wie er sicherlich bemerkt haben muss.

Es ist alles drin, sogar mehr, als ich als gestohlen gemeldet habe (meine DHL-Karte). Nur das Geld ist weg. Ich muss jede einzelne Seite des Protokolls und der Kopie unterschreiben, sowie ein Formblatt, dass ich eine Kopie des Protokolls habe ausgehändigt bekommen. Meine Erleichterung ist groß. Das mit der Botschaft darf ich nun vergessen, glücklicherweise. Ich gehe zum Bankautomaten und hole mir eine große Portion des fremdländischen Geldes. Dann lasse ich die Kredit-Karte sperren.

Den Vorfall muss ich jetzt erst einmal verdauen. Aber ich freue mich, dass unser Urlaub doch noch weitergehen kann.

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