Was mich antreibt

Die Blogparade: „Was treibt Dich an?“ von Thomas Mampel nehme ich gerne zum Anlass, meinen Blog wiederzubeleben. Also, was treibt mich an? Wofür stehe ich? In was für einer Welt will ich leben und was tue ich dafür? Das sind mindestens vier Fragen, die ich euch und mir selbst gleich beantworten werde. Na denn …

Die drei Themen, die mich schon seit meiner Kindheit bewegen, nenne ich gerne meine „Lebensthemen“. Sie ziehen sich fast von Anfang an durch mein Leben – zumindest soweit ich mich erinnern kann – und haben mich hier hin gebracht, wo ich jetzt stehe. Im Laufe meines Lebens habe ich immer mehr gelernt, diese Themen auch als Aufgabe zu betrachten. Es scheinen mir Aufgaben zu sein, die ich bearbeiten sollte, um weiterzukommen, mich zu entfalten und um mich weiterzuentwickeln. Rückblickend sehe ich immer mehr Situationen, die für mein Leben sehr wichtig waren, und an denen ich erkenne, dass diese Themen und meine Einstellung zu ihnen mir entscheidend weiter geholfen haben. Keine Angst, ich werde nicht alles erzählen. Ich fange mit einer kleinen Geschichte an, die ich im Alter von nicht ganz 4 Jahren erlebt habe.

Mein erstes Lebensthema: Freiheit

Meine Eltern, mein Onkel, meine Tante, mein Baby-Bruder und ich besuchten zu Ostern Verwandtschaft in Traun, Österreich. Ich erinnere die Fahrt als unendlich lang, beengt und ebenso nervig wie quälend. Sechs Personen in einem VW Käfer waren einfach zu viel. Am nächsten Tag beim Großonkel wurde palavert, vermutlich über den verlorenen Krieg und ihre verlorene Heimat. Mein Bruder lag frisch gewickelt in den Armen meiner Mutter. Ich musste stillsitzen, durfte die Erwachsenen nicht stören und deshalb auch nicht spielen. „Du bist doch schon groß“, hieß es. Meine Erinnerung daran ist schon sehr verblasst und ein paar Details kenne ich aus Erzählungen. Ich erinnere aber noch dieses quälende Gefühl der nicht enden wollenden Langeweile. Irgendwann durfte ich alleine aufs Klo gehen – „Du bist doch schon groß“ -, ein Plumpsklo im Holzverschlag außerhalb des Hauses.

Den muffigen Erwachsenen entronnen, überkam mich im Garten des Hauses ein starkes Gefühl der Freiheit. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich zu Fuß auf den Marsch zu meinem wirklichen Zuhause zu machen, das etwa 500 km entfernt in Deutschland lag. Nach etwa einem Kilometer kam ich an einer Baustelle vorbei. Die Arbeiter fragten mich, wohin ich denn wolle. Ich sagte: „Nach Hause“ und ahnte schon, dass etwas nicht stimmte. Die drei Gestalten wirkten leicht bedrohlich auf mich. Sie merkten natürlich, dass ich von Deutschland kam, weil ich einen fremden Dialekt sprach. Sie wollten wissen, wo mein „Zuhause“ denn sei. Ich schrie noch den Namen der Stadt und rannte los. So schnell sollte mich keiner aufhalten. Kurz nach dem Ortsrand erwischten sie mich auf dem Feld und brachten mich meinen Eltern zurück. Das war nicht schwierig, weil die meine Flucht inzwischen gemerkt hatten und den Arbeitern entgegen kamen.

Mein zweites Lebensthema: Möglichkeiten

An jenem Tag erlebte ich zu ersten Mal meinen starken Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit. Das war mir damals natürlich nicht bewusst. Weil es später immer wieder ähnliche Situationen gab, ist es mir aber immer mehr bewusst geworden. Das zweite, was mir an diesem Tag widerfuhr und was ich erst einmal unbewusst lernte, war das mit den Möglichkeiten. Der Drang, dieser Tortur der Erwachsenen-Gespräche zu entkommen, gipfelte im Erkennen und Ergreifen der Chance, die sich mir unverhofft bot. In meinem Leben gab es immer wieder Situationen, wo trotz widriger Umstände Möglichkeiten aufschienen. Mit der Zeit fiel es mir immer leichter, alternative Wege zu erkennen und die Gelegenheiten zu ergreifen, sie einzuschlagen. Ich bin meistens sehr gut damit gefahren, auch wenn es mir bisweilen recht schwer fiel, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Mein damaliges Erkennen der Möglichkeit, meine Entscheidung und letztendlich mein Tun, also das Weglaufen, gaben mir ein großes Gefühl der Freiheit und der Selbstbestimmtheit. Mehr noch, ich wusste plötzlich, es geht und ich kann’s. Das Beste aber war vor allem, es blieb positiv in meiner Erinnerung. Je älter ich werde, desto klarer werden mir diese Zusammenhänge und ich bin froh über meine damals noch unbewusste Entscheidung. Durch das Erkennen und Ergreifen der Gelegenheit habe ich auch gelernt, dass eine Situation keineswegs unumstößlich gegeben ist, sondern geändert werden kann, indem ich für mich eine Entscheidung treffe. Ich denke heute, Kinder machen einfach etwas, weil es in ihnen steckt. Sie denken nicht groß nach, sie tun instinktiv das, was sie innerlich antreibt. Mir ist diese Erfahrung bis heute äußerst wertvoll, weil sie einer der Grundsteine war, die mein späteres Denken geprägt haben.

Mein drittes Lebensthema: Angst

Wie Sie erahnen können, gab es auch ein Nachspiel. Meine Eltern gingen nicht gerade sanft mit mir um. Aber alles Bestrafen half nichts, ich blieb dabei, mir gefiel diese Besuchsreise nicht und ich bestand darauf, in solchen unerträglichen Situationen wieder nach Hause wollen (in den Worten der Erwachsenen: abhauen) zu dürfen. Es war eine Trotzreaktion. Ich fühlte mich keineswegs schuldig. Die Erwachsenen fanden jedoch Bestrafung als angemessen. Das wiederholte sich später bei anderen Gelegenheiten immer wieder.

Ich kann mich nicht mehr genau an all die vielen Erlebnisse in meiner Kindheit erinnern, aber ich erinnere mich daran, dass spätestens nach der Einschulung meine Angst immer größer wurde. Letztlich wuchs sich die von meinen Eltern unbewusst geschürte Angst (sie kannten leider keine bessere Erziehungsmethode) zu einem vorauseilenden Gehorsam aus. War ich bis zu meiner Einschulung ein fröhliches, neugieriges und experimentierfreudiges Kind, bin ich bis zum Abitur zu einem sehr schüchternen jungen Mann geworden. Ich griff zu Alkohol und Zigaretten. Das gab mir immer wieder vorübergehend das Gefühl, dass bei manchen Gelegenheiten das Leben auch etwas Lebenswertes hat.

Der Weg zur Freiheit geht durch die Angst

Angst ist notwendig, um in diversen Situation zu überleben, etwa im Straßenverkehr. Durch Erziehung egal von welcher Seite (wäre ein eigenes Thema) werden bei den Erzogenen jedoch sehr oft irrationale Ängste aufgebaut. Viele solcher Ängste hatten sich in mir festgesetzt und sind auch heute oft noch gegenwärtiger, als es mir lieb ist. Es sind vor allem Ängste, die zu einem vorauseilenden Gehorsam geronnen sind oder sich in Sichtweisen und Gewohnheiten manifestieren, die wir gar nicht mehr als auf Angst fußend wahrnehmen können. Wir nehmen uns, wie wir sind, und hinterfragen kaum noch unsere Meinungen und Vorstellungen von der Welt. Mir wurde einmal gesagt: „Du kannst doch nicht alles in Frage stellen. Man muss sich doch an etwas orientieren und sich darauf verlassen können.“ Wirkliche Freiheit bedeutet unter anderem, mit Unsicherheiten leben zu können, das Leben als Abenteuer zu begreifen.

Was mir geholfen hat, meinen Weg zu finden und zu gehen, war einerseits die Freiheit, nach der es mich ganz stark drängt, eine Freiheit, die ich heute geneigt bin wie Viktor E. Frankl zu definieren. Andererseits waren es meine Art, überall Möglichkeiten zu sehen, und was von meiner Neugierde und Experimentierfreude übrig geblieben war, die mich immer wieder in Richtung Freiheit getrieben haben. Ich habe also mehr und mehr gelernt mit meinen Ängsten umzugehen. Angst ignorieren oder gar unterdrücken hilft nicht, es verschleiert oder verbrämt sie nur. Etwa: „Ich mach das nicht, weil es sowieso nicht geht“ oder schlimmer: „Dem werd‘ ich’s zeigen!“

Ich war immer der Meinung und bin es noch, bevor ich eine Sache, ein Verhalten nicht ausprobiert habe, weiß ich nicht, ob es gelingen kann. Und wenn ich gescheitert bin, heißt das nicht, dass es nicht geht, sondern nur, dass ich es nicht geschafft habe. Das kann viele Ursachen haben. Es gilt, die Möglichkeit zu finden, die mich zu einem Erfolg führt. Eine wichtige Erkenntnis ist für mich, dass ich der Freiheit nur dann näher kommen kann, wenn ich meine Ängste erkenne, bewusst wahrnehme und sie als überwindbar annehme.

Wofür stehe ich?

Ich stehe für mich selbst als der Mensch, der ich bin. Es gibt keine Sache, der ich mich verschreiben könnte. Wichtig sind mir Menschen, aber mich für andere aufzuopfern oder für sie einzusetzen, entspräche aus meiner Sicht nicht meinen Lebensthemen. Meine Mutter hat sich ihr Leben lang für alle möglichen Leute „aufgeopfert“. Auch sie strebte nach wertschätzender Anerkennung, nach Liebe. Durch Aufopferung bekommt man es aber nicht und bleibt „Opfer“. Für jemand sich einzusetzen, ist aus meiner Sicht ebenso fragwürdig. Hilfe zur Selbsthilfe ist für mich okay, aber ein sehr komplexes Thema.

Was ich gerne tue, ist andere in ihren Bemühungen unterstützen, manchmal sogar, sie an die Hand zu nehmen und ihnen Zusammhänge zu zeigen. Aber solange diejenigen nicht offen für neue Erkenntnisse oder Möglichkeiten sind, ist es sinnlos. Irgendwann in meinem Leben habe ich beschlossen, mich zu einem „vollständigen“ Menschen entwickeln zu wollen. Mir geht es um einen reifen Menschen, der sein volles Potential entfalten kann und der auch allen anderen erlaubt, ihr volles Potential zu entfalten, ohne dabei anderen zu schaden. Ich möchte ermuntern und bestärken, den eigenen Weg zu suchen, zu finden und zu gehen. Den eigenen Weg kann jeder nur für sich selbst finden.

Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass einfluss- und erfolgreiche Menschen ihr volles Potential entfaltet haben – von Ausnahmen abgesehen. Oft ist das nur eine Art Überkompensation. Fehlende Anerkennung und Liebe sowie mangelndes Selbstwertgefühl leiten viele Menschen auf die unterschiedlichsten Wege, sich genau das zu erkämpfen. Ich bin kein Kämpfer. Mein Selbstwertgefühl und mein Selbstvertrauen habe ich mühsam (wieder) aufgebaut, wobei ich versucht habe, alle Fallen zu umgehen. Ist mir nicht gelungen. Ich stünde trotzdem gerne für die Möglichkeit, dass jeder Mensch es schaffen kann, sein Potential voll zu entfalten. Auch wenn ich weiß, dass ich noch längst nicht so weit bin, glaube ich, schon ein wenig auf meinem Weg vorangekommen zu sein.

In was für einer Welt will ich leben und was tue ich dafür?

Irgendwie glaube ich nicht mehr an diese hypothetisch vollkommenen Welten. Frieden für alle, immer und überall. Solange auf einer Friedenskundgebung Kinder geohrfeigt werden, halte ich Frieden für eine Illusion. Wie kann es Weltfrieden geben, solange in auch nur einer Familie Gewalt praktiziert wird, solange auch nur ein Mensch einen anderen beherrschen und ihm Vorschriften machen möchte, weil er ihn für dumm oder unfähig hält. Wie soll da der Friede zwischen den Staaten aussehen? Ich für meinen Teil halte eine Welt für in Ordnung, die mir die Möglichkeit lässt, mein Potential zu entfalten und mich möglicherweise weiter zu entwickeln. Die Welt, in der wir leben, bietet mir genau das. Das werden viele anders sehen. Für mich ist es jedoch genau so.

Was tue ich dafür? Nun, ich arbeite an der Entfaltung meines vollen Potentials. Egoistisch? – Vielleicht – das ist mir jedoch gleichgültig. Ein Mensch kann meiner Meinung nach nur das lernen, was er von sich aus anzunehmen bereit ist. Jedes ihm aufgenötigte Lernen baut in ihm eine Illusion auf, die vom Lehrenden bestimmt wird. Aus meiner Sicht kann Lehren und Erziehen nur durch verantwortungsvolles Beispiel geben erfolgen. Ein Beispiel ermöglicht es dem Lernenden, das Beispiel in der Art und Weise anzunehmen und nachzuahmen, die für ihn richtig ist und seinem Wesen entspricht. Einem Lernenden vorzuschreiben, was und wie er zu lernen hat, ist in meinen Augen Manipulation. Deshalb habe ich vor Jahren meinen missionarischen Eifer aufgegeben.

Fazit

Neben der Lust zu Leben (Selbsterhaltungstrieb :-)), bin ich getrieben vom Wissen über die vielen Möglichkeiten, die mir ein Leben in bewusst selbstbestimmter Freiheit bieten kann. Der Weg dorthin führt für mich durch all die Ängste, die ich zu Beginn meines Lebens in mir aufgebaut habe als Reaktion darauf, wie ich die Welt damals erlebt habe und noch nicht anders interpretieren konnte. Mir sind all die Beschränkungen dieser Welt bewusst, und ich weiß, mein Einfluss beschränkt sich auf mich selbst. Daher bemühe ich mich seit einiger Zeit, allen Versuchen sowie allen Anforderungen von außen zu widerstehen, sie zu verbessern oder zu verändern. Den Sinn meines Lebens sehe ich darin, mich selbst zu entfalten und weiterzuentwickeln, Erfahrungen zu machen und als Mensch zu reifen – ohne Anspruch darauf, perfekt zu sein oder es irgendwann einmal zu werden.

3 Kommentare

  1. Sehr schön. Doch die Freiheit konntest Du nur so erleben und schätzen, weil es die Grenzen gab, welche Dir durch die Erwachsenen gesetzt wurden. Wer als Kind in einer Zeit groß wird, in der er ständig nach seiner Meinung und nach seinem Wollen gefragt wird, für den gibt es viel weniger Freiheit. Die braucht ein solches Kind ja nicht, es hat doch schon alles. Ich finde Deine Sicht interessant und denke, viele aus der Generation haben es ähnlich erlebt. Was werden wohl die Kinder sagen, die heute alles mitentscheiden müssen, wenn sie groß sind?

    • Alles hat seinen Gegenpol, auch die Freiheit. Und natürlich konnte ich die Freiheit nur deswegen wirklich schätzen lernen, weil es diese vielen Einschränkungen gab. Dadurch wurde mein Freiheitsdrang sehr stark angestachelt. Aber Freiheit ist weit mehr … vielleicht werde ich mal etwas dazu schreiben, was Freiheit insgesamt für mich bedeutet.

      Was die Kinder betrifft, sehe ich es nicht so. Heutzutage sind die Manipulationen viel versteckter. Freiheit wird nicht mehr hinterfragt. Meinung und Wollen können manipuliert sein. Daraus wird sich die Schwierigkeit ergeben, eine Freiheit zu erlangen, die auch den Mitmenschen Freiheit zugesteht. Für mich die wichtigste Grenze der persönlichen Freiheit.

  2. Lieber Heiner, ach Du sprichst mir so aus der Seele! Auch ich wurde schüchtern durch die „gut gemeinten Einschränkungen“ der Außenwelt, das fing schon im Kindergarten an, in dem ich ein Pflaster auf den Mund geklebt bekam, weil ich angeblich zu laut war. Was für ein Schock für ein kleines Kind, das von seiner Mutter nur Respekt und Empathie kannte! Von der Schule will ich gar nicht reden, ich wurde so schüchtern, dass ich mich permanent hinter meinem Vorderkind versteckte. Ein Alptraum. Ich selbst habe 4 Kinder, und wir war immer wichtig dass sie sich genau so als Mensch ernst genommen fühlten wie ein Erwachsener. Ich bin nicht besser, schlauer, weiter, oder sonst was als ein kleines Kind – ich bin nur anders. Auch mich treibt Freiheit an, ich war so erleichtert aus diesen Zwangsinstitutionen gekommen zu sein, dass ich es später nie wieder wirklich geschafft habe, mich auf ein Leben als Angestellte einzulassen. Seit 2004 bin ich selbstständig und kämpfe mit Vergnügen Tag für Tag ums finanzielle Sicherheiten. Als alleinverantwortliche Familienernährerin weiß ich wie schwer es in traditionellen Familien für Männer ist, den Wohlstand ihrer Liebsten abzusichern – meine Hochachtung! Meine sind nun alle erwachsen und ich empfinde das sehr als Erleichterung. Freiheit wird mir also wohl nicht mehr genommen – höchstens durch Pflegebedürftigkeit – aber das macht mir keinen Kummer. Da findet sich schon eine Lösung 😉

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