Über Demut, Erkenntnisgrenzen und den Zustand unseres Miteinanders
Meine Frau ist dement. Sie weiß das. Was sie nicht weiß: was ihr fehlt.
Sie glaubt nicht, dass sie heute weniger weiß als früher. In ihrem inneren Erleben ist alles gleich geblieben. Ihre Gedanken sind da, ihre Absichten auch. Wenn sie spricht, dann nicht aus einem Gefühl des Mangels heraus.
Sie erkennt ihre Demenz an anderen Stellen. Dann, wenn sie mir nicht mehr erklären kann, was sie sagen möchte – obwohl sie selbst spürt, dass der Gedanke vorhanden ist. Oder wenn sie wieder einmal vergisst, wie man die Fernbedienung des Fernsehers benutzt. Diese Momente akzeptiert sie als Folge ihrer Erkrankung.
Was sie nicht erkennt, erkenne ich. Ich sehe, was sich verändert hat. Ich sehe, was ihr früher leichtfiel und heute nicht mehr gelingt. Aber diese Perspektive steht nur mir zur Verfügung, nicht ihr.
Lange habe ich darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeutet. Wie es ist, nicht mehr zu wissen, was man einmal wusste. Und irgendwann stellte sich mir eine unbequeme Frage:
Wie wäre das bei mir?
Woran würde ich merken, dass meine geistigen Fähigkeiten nachlassen? Könnte ich eine Metaperspektive einnehmen und sagen: Jetzt denke ich schlechter als früher?
Die ehrliche Antwort lautet: nein. Das kann ich nicht. Niemand kann das.
Ich halte es für schlicht unmöglich, mich selbst aus einer Perspektive heraus zu sehen, die mir zeigen könnte, wo genau meine Fehlannahmen liegen. Wo ich gedanklich regelmäßig falsch abbiege. Aber auch: wo ich richtig liege.
Ich kann Selbstreflexion üben. Ich kann mir dabei zusehen, wie ich handle oder reagiere. Ich kann meine Motive befragen, meine Gefühle ernst nehmen, meine Entscheidungen hinterfragen. Doch ich kann niemals objektiv einschätzen, ob mein Denken den Maßstäben genügt, die ich selbst für richtig halte. Schon deshalb nicht, weil diese Maßstäbe Teil genau jenes Denkens sind, das ich zu beurteilen versuche.
Ich kann mein Denken in keinen übergeordneten Rahmen einordnen – weder in einen gegebenen noch in einen, den ich mir selbst konstruiere. Auch Intelligenztests helfen mir hier nicht weiter. Sie messen, was mein Geist nach festgelegten Kriterien zu leisten vermag. Das Ergebnis wird in eine Zahl übersetzt, verglichen und in einen Maßstab gepresst.
Aber all das sagt mir nichts darüber, ob ich heute klarer denke als früher. Ob ich geistig wacher oder träger geworden bin. Ob ich Zusammenhänge besser erfasse oder mir nur sicherer erscheine.
Solche Vergleiche können andere anstellen – Menschen, die mich über lange Zeit begleitet haben. Mir selbst bleibt diese Tür verschlossen.
Über diese Grenzen habe ich schon lange nachgedacht – lange bevor die Demenz meiner Frau Teil meines Lebens wurde. Mir war bewusst, dass ich nicht wissen kann, was andere Menschen innerlich bewegt. Selbst dann nicht, wenn ich glaube, sie gut zu kennen.
Mir fehlen immer entscheidende Informationen. Ich weiß nicht, wie sie geprägt wurden, welche Erfahrungen sie getragen haben und welche sie lieber nicht gemacht hätten. Ich kenne nur Bruchstücke.
Ein Leben besteht aus unzähligen Situationen, aus fast unendlich vielen Möglichkeiten. Entscheidungen reduzieren diese Fülle auf das, was ein Mensch in einem bestimmten Moment für richtig hält. Nicht, weil es objektiv richtig wäre, sondern weil es sich in diesem Moment so anfühlt.
Bei diesen Überlegungen stieß ich immer wieder auf den Sokrates zugeschriebenen Satz: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Lange konnte ich damit wenig anfangen. Erst später wurde mir klar, dass diese Formulierung vermutlich irreführend ist.
Die englische Fassung machte mir den Unterschied deutlich: I know that I know nothing sagt etwas anderes als I know that I do not know.
Letzteres traf einen Punkt. Nicht das Wissen wird negiert, sondern der Anspruch auf Gewissheit. Für mich war das damals eine wichtige Erkenntnis – heute weiß ich, wie grundlegend sie ist.
Denn jedes Mal, wenn ich glaube, über einen anderen Menschen besser Bescheid zu wissen als er selbst, erhebe ich mich über ihn. Nicht absichtlich, oft nicht einmal bewusst. Aber doch spürbar.
Für mich ist das eine Form von Hybris. Sie entsteht nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Selbstgewissheit – und sie trägt viel dazu bei, dass Gespräche kippen und aus Meinungsverschiedenheiten schnell Streit wird.
Inzwischen schaue ich nicht mehr nur auf mich, sondern auch auf das, was sich um mich herum abspielt. Das ist für mich kein abstraktes Interesse. Ich halte es für wesentlich, weil ich daran glaube, dass wir Demokratie zu einem wirklich lebenswerten System entwickeln können.
Doch je genauer ich hinschaue, desto deutlicher wird mir die Grenze, die ich nicht überwinden kann. Ich weiß nicht, was in anderen Menschen vorgeht. Diese Einsicht betrifft längst nicht mehr nur den Kreis der Menschen, zu denen ich in Beziehung stehe – meine Frau, meine Familie, meine Freunde, meine Bekannten. Sie betrifft vor allem all jene, die mir fremd sind.
Ihre Gedanken, ihre inneren Beweggründe und die Handlungen, die daraus folgen, kann ich weder zuverlässig einschätzen noch verantwortungsvoll bewerten. Schon deshalb nicht, weil ich nicht wissen kann, warum jemand denkt, wie er denkt. Warum er an Überzeugungen festhält, die mir fragwürdig erscheinen. Und auch hier gilt, was ich zuvor beschrieben habe: Ich weiß nicht, ob ich selbst richtig liege.
In diesem Bewusstsein verliert das schnelle Urteil seinen Reiz. Es bleibt die Einsicht, dass mir kein Maßstab zur Verfügung steht, der mir erlaubt, über andere Menschen zu richten. Für mich folgt daraus eine Haltung, die ich nur als Demut bezeichnen kann. Nicht als moralische Tugend, sondern als Konsequenz aus begrenzter Erkenntnis.
Ich will ehrlich bleiben. Mir gefällt nicht, wie Politiker, Journalistinnen und Journalisten und überhaupt viele Menschen derzeit miteinander diskutieren. Besonders in den sozialen Medien empfinde ich den Ton als verkürzt, auf Wirkung bedacht und oft getragen von diffusen Gefühlen, die sich schneller Bahn brechen als ein Gedanke, der zu Ende geführt wurde.
Was mich daran irritiert, ist weniger die Tatsache, dass Menschen emotional reagieren. Das ist menschlich, und auch ich bin davor nicht gefeit. Was mich umtreibt, ist etwas anderes: die Selbstverständlichkeit, mit der aus Gefühlen Gewissheiten werden. Und aus Gewissheiten Urteile über andere.
Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker verbindet sich diese Beobachtung mit dem, was ich zuvor beschrieben habe. Wenn ich weder mein eigenes Denken zuverlässig aus einer Metaperspektive beurteilen kann noch das Denken anderer wirklich verstehe – woher nehme ich dann die Sicherheit, zu wissen, was richtig ist?
In vielen öffentlichen Auseinandersetzungen scheint diese Frage keine Rolle mehr zu spielen. Es wird argumentiert, als sei die eigene Sichtweise geprüft, abgesichert und frei von blinden Flecken. Zweifel erscheinen nicht als Stärke, sondern als Schwäche. Zurückhaltung wirkt wie Unentschlossenheit.
Dabei entsteht eine Verschiebung. Nicht mehr das Argument steht im Zentrum, sondern die Haltung, die man zeigt. Nicht mehr das gemeinsame Ringen um Verständnis, sondern die schnelle Einordnung: dafür oder dagegen, richtig oder falsch.
Ich frage mich, was geschieht, wenn diese Haltung fehlt. Wenn die Einsicht in die eigenen Grenzen keinen Platz mehr hat. Wenn Zweifel nicht mehr als Begleiter des Denkens verstanden werden, sondern als Makel.
Dann werden Urteile schneller gefällt, Gewissheiten lauter vertreten. Die Bereitschaft, sich selbst zu relativieren, weicht dem Bedürfnis, recht zu behalten. Nicht unbedingt aus Trotz, oft aus innerem Druck heraus.
Das ist nicht nur unschön. Es ist riskant. Denn eine Gesellschaft lebt nicht davon, dass möglichst viele Menschen möglichst sicher sind. Sie lebt davon, dass Unsicherheit ausgehalten werden kann. Dass Widerspruch nicht sofort als Angriff verstanden wird. Dass Menschen einander zugestehen, aus begrenzter Sicht zu handeln – so wie man es auch für sich selbst in Anspruch nimmt.
Wenn diese Bereitschaft schwindet, wird das Gemeinsame fragil. Vertrauen geht verloren, nicht weil Menschen sich uneinig sind, sondern weil sie einander nicht mehr zuhören.
Für mich führt all das zurück zu einer einfachen, aber unbequemen Einsicht: Wir wissen weniger, als wir glauben. Über uns selbst. Über andere. Über das, was richtig oder falsch ist.
Diese Einsicht macht das Leben nicht einfacher. Aber sie könnte es menschlicher machen.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem Demut nicht Verzicht bedeutet, sondern Verantwortung. Verantwortung für den Ton, den wir anschlagen. Für die Urteile, die wir fällen. Und für den Raum, den wir offenlassen – für uns selbst und für die anderen.
Neueste Kommentare