Marcus Riesterer hat auf LinkedIn einen Post veröffentlicht, der mich sehr inspiriert. Denn er bringt auf den Punkt, was auch dem zugrunde liegt, über das auch ich gelegentlich nachdenke und versuche, es auf meinem Blog in Worte zu fassen. Der Text kann auch ohne Anmeldung bei LinkedIn gelesen werden:
Im Text geht es um etwas, das wir alle kennen, aber selten beim Namen nennen: die Art, wie wir uns selbst erklären, rechtfertigen und dabei unmerklich einschränken.
Mit freundlicher Genehmigung von Marcus Riesterer (https://easy-lifehacking.de/) darf ich seinen Text hier vollständig zitieren:
Du erzählst dir jeden Tag die gleiche Geschichte, ….
und sie klingt so vernünftig, dass niemand auf die Idee kommt, sie infrage zu stellen, am wenigsten du selbst.
Am Morgen beginnt sie mit einem leichten Aufbruch, einem freien Gedanken, der sich fast nach Bewegung anfühlt, in etwa wie eine kleine Rebellion gegen das, was gestern war.
Doch noch bevor dieser Gedanke richtig Form annimmt, setzt dein innerer Märchenerzähler ein, räuspert sich kurz und übernimmt wieder die Kontrolle.
Er erklärt dir, warum heute ein ungünstiger Moment ist, warum es klug ist, erst noch dieses eine zu klären, jenes noch abzuwarten, dich abzusichern, zu relativieren und insgesamt einfach vernünftig zu bleiben.
Dieser Erzähler ist gewiss kein Lügner und genau das macht ihn so wirkungsvoll. Er arbeitet präzise, logisch und mit einer erstaunlichen Fähigkeit, alles so zusammenzufügen, dass dein Verhalten nicht nur nachvollziehbar wirkt, sondern zwingende Voraussetzung ist.
Aus Möglichkeiten werden Begründungen, aus Impulsen werden Einwände und aus Entscheidungen werden Geschichten, die sich im Nachhinein wie Fakten anfühlen.
Währenddessen sitzt irgendwo in deinem Kopf ein Waschbär, lehnt sich entspannt zurück und hört sich das alles an. Er wirkt weder überrascht noch besonders beeindruckt, eher so, als würde er eine Serie schauen, die seit Jahren läuft und deren Handlung sich nur minimal verändert. Neue Begriffe, leicht angepasste Argumente, ein frischer Anstrich, doch die Dramaturgie bleibt identisch.
Der beinahe magische Trick besteht darin, dass sich Wiederholung mit der Zeit wie Wahrheit anfühlt. Du musst für deine Geschichte keinen Beweis antreten, du musst sie nur oft genug erzählen.
Irgendwann wird sie zum goldenen Käfig, in dem du dich frei bewegst, und alles, was außerhalb liegt, wirkt plötzlich unvernünftig oder riskant.
Genau an dem Punkt kippt es: Du beginnst, dein Leben zu erklären, anstatt es zu gestalten. Du verteidigst Zusammenhänge, die du nie bewusst entschieden hast, und nennst es Stabilität.
Der Waschbär hebt kurz den Blick, als hätte er auf genau diesen Moment gewartet, und sagt mit einer Gelassenheit, die fast irritierend ist: Es ist eine wirklich gute Geschichte, die du dir da erzählst. Sie ist schlüssig, sie ist konsistent und sie funktioniert.
Dann macht er eine Pause, die ein kleines bisschen zu lang ist, um noch bequem zu sein.
Dann fragt er dich, ohne jede Dramatik: Ab wann hattest du vor, die Geschichte neu zu schreiben, den Käfig zu verlassen und neue Erfahrungen zu sammeln?
Warum dieser Text so trifft
Was mich an Marcus‘ Beobachtung fasziniert, ist die chirurgische Präzision, mit der er einen Mechanismus freilegt, der so alltäglich ist, dass er unsichtbar wird: die Selbsterzählung als Selbstgefängnis.
Der innere Märchenerzähler, von dem er schreibt, ist keine böswillige Instanz. Er ist kein Saboteur, kein innerer Kritiker im klassischen Sinne. Er ist etwas viel Subtileres und deshalb Wirksameres: ein Meister der Plausibilität. Er arbeitet nicht mit offensichtlichen Lügen, sondern mit selektiver Wahrheit. Er wählt aus, was passt, und fügt es so zusammen, dass ein stimmiges Bild entsteht – eines, das uns nicht bedroht, sondern bestätigt.
Wir glauben ihm nicht, weil er uns täuscht, sondern weil er uns in dem bestärkt, was wir ohnehin schon für wahr halten. Er liefert uns die Argumente, die wir brauchen, um zu bleiben, wo wir sind. Nicht aus Angst, sondern aus Vernunft. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klugheit. Nicht aus Vermeidung, sondern aus Verantwortung.
Und genau das ist der Trick: Die Geschichte klingt nicht nach Ausrede. Sie klingt nach Einsicht.
Die Figur des Waschbären
Die Figur des Waschbären, die Marcus einführt, ist für mich der eigentliche Wendepunkt des Textes. Der Waschbär ist brillant gewählt: nicht urteilend, nicht drängend, aber wach. Er ist der Teil in uns, der beobachtet, ohne in die Dramaturgie einzusteigen. Der weiß, dass die Serie läuft, ohne sie abzusetzen. Der die Wiederholung erkennt, ohne sie zu unterbrechen.
Er ist nicht der innere Antreiber, nicht der Coach, nicht die Stimme der Vernunft. Er ist einfach da. Und er schaut zu. Mit einer Gelassenheit, die fast irritierend ist, weil sie keine Bewertung enthält. Er sagt nicht: „Du machst es falsch.“ Er sagt: „Interessant. Schon wieder die gleiche Folge.“
Und dann, irgendwann, stellt er eine Frage. Keine Anklage, keine Aufforderung, nur eine ruhige Irritation: Ab wann hattest du vor, die Geschichte neu zu schreiben?
Diese Frage hat etwas Entlarvendendes, gerade weil sie so unaufgeregt daherkommt. Sie setzt nicht voraus, dass wir etwas ändern müssen. Sie fragt nur, ob wir überhaupt vorhatten, es zu tun. Ob es je Teil des Plans war. Oder ob wir längst vergessen haben, dass wir überhaupt einen Plan haben könnten.
Die Falle der Plausibilität
Das Perfide an der Selbsterzählung ist, dass sie sich wie Freiheit anfühlt, solange man sie nicht hinterfragt. Wir bewegen uns in unserem goldenen Käfig und nennen es Autonomie. Wir verteidigen unsere Gewohnheiten und nennen es Identität. Wir erklären unsere Entscheidungen und nennen es Reflexion.
Erst wenn wir innehalten – wirklich innehalten –, merken wir: Wir verteidigen keine Überzeugung, sondern eine Gewohnheit. Wir erklären keine Entscheidung, sondern eine Vermeidung. Wir gestalten nicht unser Leben, wir verwalten es.
Wiederholung fühlt sich mit der Zeit wie Wahrheit an. Wir müssen für unsere Geschichte keinen Beweis antreten, wir müssen sie nur oft genug erzählen. Irgendwann wird sie zum Rahmen, in dem wir denken. Und alles, was außerhalb dieses Rahmens liegt, wirkt plötzlich unvernünftig, riskant oder naiv.
Das ist der Moment, in dem es kippt: Wir beginnen, unser Leben zu erklären, anstatt es zu gestalten. Wir verteidigen Zusammenhänge, die wir nie bewusst entschieden haben, und nennen es Stabilität. Wir rechtfertigen Einschränkungen, die wir nie gewählt haben, und nennen es Reife.
Der Unterschied zwischen Erklären und Gestalten
Ich glaube, genau hier liegt der Kern dessen, was Marcus beschreibt: der Unterschied zwischen einem Leben, das erklärt wird, und einem Leben, das gestaltet wird.
Ein erklärtes Leben ist kohärent. Es macht Sinn. Es lässt sich begründen. Aber es entsteht nicht aus Entscheidungen, sondern aus Rechtfertigungen. Es ist die Antwort auf die Frage: „Warum bin ich hier?“ – nicht auf die Frage: „Wohin will ich?“
Ein gestaltetes Leben hingegen ist unordentlicher. Es enthält Widersprüche, Umwege, Momente der Unsicherheit. Es lässt sich nicht immer schlüssig erzählen. Aber es entsteht aus Impulsen, aus Neugier, aus dem Versuch, etwas auszuprobieren, bevor man es versteht.
Die Selbsterzählung ist nicht per se problematisch. Wir brauchen sie, um uns zu orientieren, um Sinn zu stiften, um uns selbst zu verstehen. Aber sie wird zum Problem, wenn sie vom Werkzeug zur Grenze wird. Wenn sie nicht mehr beschreibt, was ist, sondern vorschreibt, was sein darf.
Die Frage, die bleibt
Die eigentliche Frage ist vielleicht nicht einmal, ob wir die Geschichte neu schreiben wollen – sondern ob wir überhaupt bemerken, dass wir sie schreiben. Ob wir merken, dass wir Autor sind und nicht nur Erzähler. Dass wir die Handlung verändern können und nicht nur die Formulierung.
Der Waschbär wartet geduldig. Er drängt nicht. Er beobachtet nur. Und irgendwann, vielleicht in einem ruhigen Moment, wenn die Serie gerade wieder läuft, stellt er seine Frage noch einmal:
Ab wann hattest du vor, die Geschichte neu zu schreiben?
Vielleicht ist die ehrlichste Antwort: „Ich weiß es nicht.“
Aber vielleicht ist das auch schon der Anfang.
Mich interessiert, wie du das siehst. Wenn du magst, teile deine Gedanken unten in den Kommentaren – ich lese und beantworte sie gern.
Anmerkungen und Hinweise
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