Ich verwende lieber den Ausdruck „gelingendes Leben“ als „glückliches Leben“. Das hat auch mit der Nähe der beiden Wörter zu tun: „Glück“ meinte ursprünglich eher das, was einem widerfährt, einen günstigen Zufall, ein gutes Geschick, einen glücklichen Ausgang. Dagegen beschreibt „Gelingen“, dass etwas zustande kommt, dass etwas glückt.

Für mein Verständnis vom Leben passt „gelingen“ deshalb besser. Ich erwarte nicht, dass ein Leben dauerhaft glücklich sein kann. Denn dazu gehören auch Enttäuschungen, Verluste, Umwege und Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Trotzdem kann ein Leben stimmig werden. Es kann sich so entwickeln, dass ich mit ihm im Großen und Ganzen zufrieden bin. Glück gehört dazu, aber es ist nicht das Ziel. Entscheidend ist für mich eher, ob mein Leben unter den jeweiligen Bedingungen gelingen kann.

Glück ist kein verlässlicher Maßstab

Glück ist meist ein vorübergehender Zustand. Ich freue mich über eine Begegnung, eine gute Nachricht, einen schönen Tag oder darüber, dass etwas gelungen ist. Solche Augenblicke sind wertvoll, doch sie kommen und gehen.

Schwierig wird es erst, wenn daraus die Erwartung entsteht, möglichst oft oder dauerhaft glücklich sein zu müssen. Dann erscheinen Trauer, Zweifel, Enttäuschung oder Unsicherheit schnell als Störungen. Dabei gehören sie ebenso zum Leben wie Freude und Leichtigkeit. Deshalb möchte ich mein Leben nicht danach beurteilen, wie häufig ich glücklich bin.

Zufriedenheit bedeutet etwas anderes

Interessanter finde ich den Begriff Zufriedenheit. Wenn ich mit etwas zufrieden bin, muss es nicht vollkommen sein, ich kann sagen: So ist es gut, nicht ideal, aber gut genug.

Darin steckt für mich etwas Befreiendes Denn Zufriedenheit verlangt nicht ständig nach Steigerung. Ich muss einen schönen Tag nicht dadurch überbieten, dass der nächste noch schöner wird. Etwas darf einfach gut gewesen sein. Dieses „Genug“ bedeutet dabei keine Resignation. Ich kann zufrieden sein und trotzdem etwas verändern wollen. Ich kann sehen, was fehlt, ohne das Vorhandene deshalb geringzuschätzen.

Auch ein erfülltes Leben kann schwierig sein

Ähnlich geht es mir mit dem Begriff des erfüllten Lebens. Ein Leben kann erfüllt sein, ohne ständig angenehm zu sein: Verantwortung kann ihm Bedeutung geben und zugleich belasten. Beziehungen können wichtig sein und trotzdem Sorgen mit sich bringen. Eine Aufgabe kann mir viel bedeuten, obwohl ich sie nicht immer gern erledige.

Erfüllung hat deshalb für mich weniger mit einem bestimmten Gefühl zu tun als mit der Frage, ob etwas für mein Leben Bedeutung hat.

Stimmigkeit statt Perfektion

Für ein gelingendes Leben ist mir Stimmigkeit wichtiger als Glück. Damit meine ich nicht, dass alles zusammenpassen oder widerspruchsfrei sein muss. Denn das Leben ist oft widersprüchlich, und wir selbst sind es ebenfalls.

Stimmigkeit bedeutet für mich eher, dass ich mein Handeln nachvollziehen kann, Verantwortung dafür übernehme und mich dabei nicht ständig selbst täuschen muss. Auch das gelingt nicht immer. Ein gelingendes Leben setzt keine vollkommene Selbsterkenntnis voraus. Es bleibt vorläufig und verändert sich mit neuen Erfahrungen.

Das „Genug“ gehört für mich dazu

Je länger ich darüber nachdenke, desto wichtiger wird für mich dieses kleine Wort: genug.

Unsere Vorstellungen richten sich leicht auf das Mehr: mehr Möglichkeiten, mehr Anerkennung, mehr Erfahrungen, mehr Wohlbefinden. Selbst persönliche Entwicklung kann so zu einer ständigen Forderung werden, noch gelassener, bewusster oder ausgeglichener werden zu müssen. Zufriedenheit setzt dem etwas entgegen: Ich kann Wünsche haben, ohne mich von ihnen beherrschen zu lassen. Ich kann etwas verbessern wollen und trotzdem sagen: Für jetzt ist es gut.

Genau das gehört für mich zu einem gelingenden Leben. Glück darf darin vorkommen, ohne zum Ziel zu werden. Schwierigkeiten müssen nicht bedeuten, dass etwas falsch läuft. Und ein Leben muss nicht vollkommen sein, damit ich mit ihm im Großen und Ganzen zufrieden sein kann.

Für mich kommt das einem gelingenden Leben ziemlich nahe.