Was soll eigentlich gelingen?

Ich habe Schwierigkeiten mit der Vorstellung eines „gelungenen Lebens“. Das Wort klingt für mich nach einem Ergebnis. Ein Kuchen kann gelungen sein, ein Haus vielleicht auch oder ein Vortrag. Man schaut auf etwas Fertiges zurück und beurteilt, ob es den eigenen oder fremden Vorstellungen entspricht. Bei einem Leben erscheint mir das schon schwieriger.

Natürlich könnte ich irgendwann Bilanz ziehen und mich fragen, was ich erreicht habe, was aus meinen Plänen geworden ist oder ob ich beruflich erfolgreich war. Ich könnte überlegen, ob ich genügend schöne Dinge erlebt habe und ob ich glücklich gewesen bin. Aber schon diese Art der Betrachtung behagt mir nicht besonders. Sie betrachtet das Leben von einem gedachten Endpunkt her und verschiebt das gute Leben damit leicht in eine ungewisse Zukunft. Wenn ich erst dieses erreicht habe, wenn jene Schwierigkeit überwunden ist oder wenn ich endlich mehr Zeit habe, dann kann ich zufrieden sein. Nur lebe ich eben nicht irgendwann, sondern jetzt.

Deshalb gefällt mir der Ausdruck „gelingendes Leben“ besser. Gelingend ist etwas, das geschieht und nicht abgeschlossen ist. Ein Leben kann heute durchaus gelingen und morgen weniger. Manches kann sogar gründlich misslingen, ohne dass deshalb gleich das ganze Leben misslungen wäre.

Zufriedenheit muss nicht warten

Auch das Streben nach Glück sehe ich skeptisch, sobald Glück zu einem Lebensziel wird. Glück ist für mich eher etwas, das geschieht. Manchmal ist es da, manchmal nicht. Ähnlich geht es mir mit Erfolg. Ich kann etwas erfolgreich tun und mich darüber freuen. Aber deshalb muss Erfolg noch lange nicht zum Maßstab meines Lebens werden.

Zufriedenheit ist für mich etwas anderes. Ich kann mit meinem Leben zufrieden sein, obwohl keineswegs alles so ist, wie ich es mir wünschen würde. Das bedeutet nicht, Schwierigkeiten schönzureden oder keine Wünsche mehr zu haben. Ich kann mit meinem gegenwärtigen Leben grundsätzlich einverstanden sein und trotzdem etwas verändern wollen.

Diese Unterscheidung erscheint mir wichtig, weil das gegenwärtige Leben sonst schnell einem zukünftigen untergeordnet wird. Ich tue heute etwas, damit ich morgen etwas erreichen kann, und dieses Morgen verweist möglicherweise schon auf das nächste. Auf diese Weise lässt sich ein Leben erstaunlich lange vertagen. Natürlich brauche ich Pläne und Vorstellungen von der Zukunft. Ich möchte nur mein heutiges Leben nicht ständig zum Mittel für ein zukünftiges machen.

Selbstbestimmung heißt nicht, immer das zu tun, wonach mir ist

Auch mit dem Begriff der Authentizität habe ich meine Schwierigkeiten. „Sei authentisch“ hört sich zunächst gut an, bleibt für mich aber ziemlich schwammig. Wenn damit gemeint ist, möglichst unmittelbar meinen Gefühlen und Bedürfnissen zu folgen, hilft mir der Begriff wenig. Ich habe schließlich nicht nur vernünftige Wünsche. Ich kenne Bequemlichkeit, Unlust und Ärger und wahrscheinlich noch eine ganze Reihe anderer Eigenschaften, die ich nicht allein deshalb ausleben muss, weil sie zu mir gehören.

Bei der Pflege meiner Frau wird das für mich sehr konkret. Es gibt selbstverständlich Situationen, in denen ich keine Lust auf eine notwendige Pflegetätigkeit habe. Ich würde vielleicht lieber etwas anderes tun oder einfach meine Ruhe haben. Auch diese Unlust gehört zu mir. Sie ist nicht weniger echt als meine Zuneigung oder mein Verantwortungsgefühl. Trotzdem erledige ich die notwendige Pflege, weil mir die Verantwortung, die ich übernommen habe, in diesem Moment wichtiger ist als meine Unlust.

Ich empfinde das nicht als Handeln gegen mich selbst. Ich entscheide lediglich, welchem meiner unterschiedlichen Wünsche, Bedürfnisse und Werte ich folgen möchte. Mein augenblicklicher Wunsch nach Ruhe ist genauso vorhanden wie meine Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen. Gerade in dieser Möglichkeit der Entscheidung sehe ich einen wesentlichen Teil von Selbstbestimmung.

Freiheit kann auch bedeuten, sich zu binden

Freiheit habe ich früher vielleicht stärker mit vorhandenen Möglichkeiten verbunden: Je mehr ich tun kann, desto freier bin ich. Inzwischen erscheint mir das zu einfach. Ich kann frei entscheiden und mich trotzdem bewusst binden. Ich kann auf Möglichkeiten verzichten, weil mir etwas anderes wichtiger ist.

Die Pflege meiner Frau schränkt meine Möglichkeiten erheblich ein. Vieles, was ich tun könnte, wenn ich allein wäre, kann ich gegenwärtig nicht tun. Trotzdem habe ich mich entschieden, diese Verantwortung zu übernehmen. Die Situation selbst habe ich mir natürlich nicht ausgesucht. Innerhalb dieser Situation bleiben mir aber Möglichkeiten, mich zu entscheiden und mein Leben zu gestalten.

Selbstbestimmung bedeutet für mich deshalb nicht größtmögliche Unabhängigkeit, sondern eher, soweit es mir möglich ist, selbst darüber zu entscheiden, wie ich mit dem umgehe, was mir begegnet. Dazu gehört für mich auch Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Eine Freiheit, die ausschließlich danach fragt, was ich selbst gerade möchte, wäre mir zu wenig.

Ich muss kein „wahres Ich“ finden

Deshalb kann ich auch mit der Vorstellung wenig anfangen, irgendwo in mir müsse ein „wahres Ich“ verborgen sein, das ich nur von gesellschaftlichen Erwartungen, Rollen und Gewohnheiten befreien müsste. Ich bin von anderen Menschen geprägt worden: von meiner Familie, meinen Erfahrungen, meiner Arbeit, meinen Beziehungen und der Gesellschaft, in der ich lebe. Vieles davon habe ich nicht selbst gewählt. Trotzdem gehört es inzwischen zu mir.

Interessanter finde ich die Frage, was ich von diesen Prägungen weitertragen möchte und was nicht. Manche Vorstellungen habe ich übernommen und später verworfen. Andere habe ich mir so zu eigen gemacht, dass ich sie heute als meine eigenen Werte empfinde. Das muss kein endgültiger Zustand sein – auch Werte und Überzeugungen kann ich überprüfen und verändern.

Vielleicht besteht Selbstbestimmung gerade darin, diesen Prozess nicht vollständig anderen zu überlassen. Ich muss nicht herausfinden, wer ich „wirklich“ bin. Mir reicht die wesentlich praktischere Frage, wie ich mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit den Umständen meines Lebens umgehen möchte.

Ein Leben, das immer wieder neu gelingen kann

Vielleicht gefällt mir deshalb das Wort „gelingend“ so gut. Es lässt das Leben offen. Ich muss nicht irgendwann ankommen und aus meinem Leben kein abgeschlossenes Werk machen, auf das ich am Ende stolz zurückblicken kann. Ebenso wenig muss ich ständig glücklich oder mit allem zufrieden sein.

Mir erscheint wichtiger, einigermaßen aufmerksam wahrzunehmen, was gerade ist, meine Möglichkeiten zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die ich verantworten kann. Dabei werde ich mich irren, gelegentlich meinen eigenen Vorstellungen nicht gerecht werden und vermutlich auch Entscheidungen treffen, die ich später anders beurteilen werde. Auch das gehört für mich zu einem gelingenden Leben.

Ein selbstbestimmtes Leben wäre dann kein Leben ohne Bindungen, Einschränkungen und Widersprüche. Es wäre ein Leben, in dem ich innerhalb der Bedingungen, die ich vorfinde, immer wieder nach meinen eigenen Möglichkeiten suche und entscheide, wofür ich Verantwortung übernehmen möchte. Das muss nicht irgendwann zu einem gelungenen Leben führen. Es kann währenddessen immer wieder gelingen.


  • Ein Wort zum Entstehungsprozess: Ich spreche vorab oft ausführlich mit einer KI – über Fakten, über meine Argumente, über das, was ich eigentlich sagen will. Sie ist dabei eher Sparringspartner als Autor: Ich gebe die Richtung vor, sie hilft mir zu prüfen und zu ordnen. Am Ende steht ein Text, der zwar mit Hilfe von KI formuliert wurde, aber trotzdem aus meinem eigenen Nachdenken und Erleben kommt.