Es gibt Sätze, die einen Menschen über Jahrzehnte begleiten. Für mich gehört der Satz des Sokrates „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ dazu.
Dabei habe ich von Anfang an Wert darauf gelegt, dass es „nicht“ heißen soll und nicht „nichts“. Die oft zitierte Variante „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ erschien mir immer etwas merkwürdig. Als würde jemand behaupten, überhaupt nichts zu wissen. Das trifft auf Menschen offensichtlich nicht zu. Wir wissen vieles. Gleichzeitig bleibt unser Wissen erstaunlich klein im Vergleich zu dem, was es zu wissen gäbe.
Je länger ich über diesen Satz nachdachte, desto mehr erschien er mir als Beschreibung einer grundlegenden menschlichen Situation. Nichtwissen ist kein Ausnahmezustand. Es begleitet uns ständig.
Die Grenzen unseres Wissens
Die Grenzen beginnen nicht erst bei wissenschaftlichen Fragen oder komplizierten Zusammenhängen. Sie zeigen sich bereits im Alltag.
Ich kann nie wissen, wie mein Gegenüber die Welt erlebt. Auch weiß ich nicht, wie er über sein Leben denkt oder wie er mich wahrnimmt. Selbst wenn er es mir erklärt, höre ich nur seine Worte. Wie er sein Inneres wirklich erlebt, bleibt mir verborgen. In seinen Worten schwingen Erfahrungen, Erinnerungen und seine Sichtweise mit. Gleichzeitig verstehe ich seine Worte durch meine eigene Brille – geprägt von meinen Erfahrungen und Erinnerungen.
Auch die Zukunft bleibt mir weitgehend verborgen. Ich weiß nicht, was morgen geschieht. Werde ich morgen noch leben? Welche Entwicklungen werden mein Leben kurz- oder langfristig verändern? Planung kann hilfreich sein, aber Unsicherheit bleibt.
Selbst dort, wo Wissen möglich ist, stoße ich an Grenzen. Über eine Stadt wie Berlin kann ich unzählige Informationen sammeln. Ich kann Bücher lesen, Statistiken ansehen und historische Entwicklungen nachvollziehen. Trotzdem werde ich niemals alles in Erfahrung bringen und mir merken können. Und selbst das, was ich gelernt habe, steht mir nicht jederzeit vollständig zur Verfügung, weil ich vergesse oder mich manchmal nicht erinnern kann.
Wovon mich Sokrates befreit hat
Vor langer Zeit habe ich den Satz des Sokrates vor allem als interessante philosophische Aussage betrachtet. Mit den Jahren begann ich etwas anderes darin zu erkennen.
Viele Menschen lesen den Satz als Ausdruck von Bescheidenheit. Für mich wurde er jedoch zu einer Erlaubnis. Er erlaubte mir, die Vorstellung aufzugeben, ich müsse alles verstehen, alles erklären oder zu jeder Frage eine Antwort haben.
Damit verschwand nicht die Neugier. Eher das Gegenteil trat ein.
Wenn ich akzeptiere, dass mein Wissen begrenzt ist, kann ich Fragen offenhalten. Ich kann etwas lernen, ohne sofort entscheiden zu müssen, was davon endgültig wahr oder für mich wichtig ist. Ich kann neue Gedanken prüfen, ohne meine bisherigen Überzeugungen sofort verteidigen oder verwerfen zu müssen.
Vor allem aber verlor ich den inneren Druck, immer recht haben zu müssen.
Ein Raum mit Möglichkeiten
Rückblickend glaube ich, dass sich daraus ein weiterer Gedanke entwickelt hat, der mein Leben stark geprägt hat.
Ich betrachte das Leben als einen Raum voller Möglichkeiten.
Entscheidungen haben Konsequenzen. Sie wirken sich auf mein eigenes Leben und auf das anderer Menschen aus. Trotzdem scheint mir die Wirklichkeit voller Möglichkeiten zu sein, die wir zunächst nur teilweise erkennen.
Wer glaubt, bereits zu wissen, wie die Welt funktioniert, schließt viele dieser Möglichkeiten aus, bevor er sie überhaupt wahrgenommen hat. Wer sein eigenes Wissen als vorläufig betrachtet, hält dagegen den Raum offen. Neue Erfahrungen können hinzukommen und sind willkommen. Neue Erkenntnisse können alte ergänzen oder verändern. Sichtweisen können sich erweitern.
Vielleicht schützt der Satz des Sokrates genau diesen Raum.
Sobald Menschen glauben, im Besitz einer endgültigen Wahrheit zu sein, wird der Raum kleiner. Aus offenen Fragen werden feste Antworten. Aus einem Suchprozess wird ein Regelwerk ohne Ausnahmen.
Das ist vermutlich einer der Gründe, warum ich mit dogmatischen Haltungen Schwierigkeiten habe. Dabei geht es mir weniger um einzelne Positionen. Menschen dürfen unterschiedliche Ansichten vertreten. Kritisch wird es für mich dort, wo die Suche endet und eine wie auch immer geartete Gewissheit an ihre Stelle tritt.
Warum ich oft Zeit zum Nachdenken brauche
Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder erlebt, dass ich in Diskussionen scheinbar den Kürzeren ziehe.
Neue Gedanken oder Argumente führen bei mir häufig nicht dazu, dass ich sofort zustimme oder widerspreche. Stattdessen beginne ich nachzudenken. Ich frage mich, ob und wie das Gehörte zu meinen bisherigen Erfahrungen passt und welche Folgen sich daraus ergeben könnten.
Von außen wirkt das manchmal wie Unsicherheit. Für mich fühlt es sich eher an wie Lernen.
Deshalb sehe ich Entscheidungen als tastende Schritte hin zu neuen Erkenntnissen. Auch wenn sich herausstellt, dass eine Entscheidung falsch war, war es ein Schritt, der mir neue Erkenntnisse gebracht hat. Deshalb betrachte ich Entscheidungen als Schritte, die nicht rückgängig gemacht werden können, die mich aber weiterbringen. Sie sind für mich Setzungen in der Zeit.
Ich entscheide auf Grundlage dessen, was ich zu diesem Zeitpunkt erkennen kann. Spätere Erkenntnisse können das Bild verändern, ohne dass die damalige Entscheidung dadurch falsch wird. Sie war zum damaligen Zeitpunkt die beste Wahl aus den Möglichkeiten, die ich sehen konnte.
Mein Ausgangspunkt
Wenn ich heute auf das erste Jahr nach dem Wiederaufnehmen meines Blogs zurückblicke, dann erkenne ich, dass viele Themen von diesen Gedanken ausgehen.
Mein Interesse am Konstruktivismus, an Selbstreflexion, an der Frage, wie wir uns die Wirklichkeit vorstellen, an Demokratie als Lernprozess oder an Demut hat vermutlich denselben Ursprung. Immer wieder lande ich bei der Frage, wie Menschen zu ihren Überzeugungen gelangen und was geschieht, wenn sie diese Überzeugungen für feste Wahrheiten halten, die nicht mehr hinterfragt werden.
Ich schreibe dieses Blog nicht, weil ich Antworten liefern möchte. Dafür weiß ich zu wenig. Ich schreibe, um zum Nachdenken anzuregen. Mich interessiert, Möglichkeiten sichtbar zu machen. Ich möchte Fragen stellen, Zusammenhänge betrachten und Gedanken teilen, die anderen vielleicht helfen können, ihre eigenen Antworten zu finden.
Der Satz des Sokrates ist für mich deshalb weit mehr als eine philosophische Aussage. Er ist zu einer Haltung geworden. Je älter ich werde, desto weniger stört mich, dass ich vieles nicht weiß. Im Gegenteil. Die Akzeptanz des Nichtwissens hat mir einen Freiraum eröffnet, den ich nicht mehr missen möchte. Von diesem Freiraum aus schreibe ich. Und von hier aus möchte ich auch die weiteren Schritte mit diesem Blog gehen.
Mich interessiert, wie du das siehst. Wenn du magst, teile deine Gedanken unten in den Kommentaren – ich lese und beantworte sie gern.
Anmerkungen und Hinweise
- Einen wichtigen Aspekt zum Thema habe ich vor einiger Zeit in folgendem Artikel besprochen: „Was wir niemals wissen können„. Dort ging es mir darum herauszufinden, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß. Welche Gedanken und Gefühle begleiten das Nichtwissen? Das Problem ist, dass wir oft nicht wissen, was wir nicht wissen oder dass wir nicht wissen.
Neueste Kommentare