Manches, was uns als Kinder beigebracht wird, bleibt ein Leben lang – oft ohne dass wir merken, wie tief es uns prägt. Wir passen uns an, weil wir dazugehören wollen. Wir übernehmen Überzeugungen, ohne je zu prüfen, ob sie zu uns passen. Und manchmal braucht es nur einen unscheinbaren Satz, ein kleines Samenkorn, das Jahre später keimt – und plötzlich das ganze Bild verändert.


Früh geformt – und lange nicht bemerkt

Ob ich damit richtig liege, weiß ich nicht. Aber ich habe den Verdacht, dass sich schon in den ersten Lebensjahren – und noch deutlicher in der Pubertät – abzeichnet, ob ein Mensch dazu neigt, sich den vorherrschenden Ideologien oder gängigen Erzählungen zu beugen. Diese Anpassung ist selten eine bewusste Entscheidung. Sie wächst fast unmerklich aus einem einfachen, mächtigen Bedürfnis: angenommen zu werden.

Ein Kind will dazugehören. Es sehnt sich nach Wärme, Bestätigung und dem sicheren Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Instinktiv spürt es, unter welchen Bedingungen Eltern, Verwandte oder Lehrer diese Zuwendung geben – und richtet sich danach. Die dabei wirkende Konditionierung ist unsichtbar wie ein feiner Faden, der sich um das Denken legt. Das Kind kann nicht wissen, dass es gelenkt wird, geschweige denn, sich dagegenstellen.

Diese frühen Muster verschwinden nicht einfach, wenn die Eltern nicht mehr bestimmen. Sie suchen sich nur neue Orte: den Kollegenkreis, den Vorgesetzten, eine Gemeinschaft, eine Mode, eine Meinung. Aus der Bestätigung im Elternhaus wird später die Anerkennung durch die Gruppe oder die Zustimmung der Gesellschaft.


Erste Risse in der Wand der Anpassung

Lange wollte ich mich nicht mit den Umständen meines Lebens abfinden. Zu oft ließ ich mich von glänzenden Oberflächen und Nebensächlichkeiten einfangen – wie ein Insekt, das dem Licht folgt und dabei den eigenen Weg verliert. Nicht, weil ich nicht gelebt hätte. Ich lebte – aber meist das Leben anderer, nach Mustern, die sie mir vorlebten.

Schon als Kind begann ich, die Pläne meiner Eltern infrage zu stellen. Sie wollten, dass ich Medizin studiere. Mein Vater, durch den Zweiten Weltkrieg gesundheitlich gezeichnet, musste trotzdem arbeiten, weil jede Hand gebraucht wurde. Vielleicht hoffte er, ich könnte erreichen, was ihm verwehrt blieb. Vielleicht glaubte er sogar, ich könnte der beste Arzt der Welt werden.

Ich wollte das nicht. Der Gedanke, ihm zu widersprechen, war wie ein kleiner Riss in der Wand meiner Anpassung. Er wuchs langsam – und führte mich Jahre später zu einer Einsicht, die ich damals nicht ahnen konnte. Als ich Arno Gruens Der Verrat am Selbst las, fand ich darin genau das Gefühl wieder, das mich schon als Kind begleitet hatte: dieses stille, nagende Bewusstsein, dass ich etwas anderes war, als man von mir erwartete.


Zwei Ehrenrunden und ein Samenkorn

Trotz allem wollte ich das Abitur schaffen – wenn auch ohne großen Einsatz. Meine Lehrer sagten zu meinen Eltern: „Ihr Sohn könnte, wenn er wollte. Intelligent ist er – nur faul.“

Was mir fehlte, war nicht die Lernbereitschaft, sondern der Bezug zum Leben. Ich sah, wie viel Mühe und Geld es meine Eltern kostete, meinen Bruder und mich aufs Gymnasium zu schicken. Was sie dafür in Kauf nahmen, belastete das Familienleben. Ein Familienleben, wie im Fernsehen, kannte ich nicht. In keinem Fach lernte ich etwas darüber, wie man ein gelingendes Leben führt. Stattdessen bot mir die Welt überall Reklame für Zigaretten und Alkohol – und ich glaubte auch noch an diese Symbole von Freiheit und Unabhängigkeit.

Auf dem Weg zum Abi legte ich zwei Ehrenrunden ein. Die erste wohl als Versuch, mich zu disziplinieren. Die zweite, weil ich wirklich schlecht war – meine Freiheit war mir wichtiger. Das Abitur war für mich kein Reifezeugnis, sondern ein Passierschein in eine Welt, in der andere bestimmen, was ich zu tun habe. Ich bestand – knapp.

Doch eines blieb. Mein Klassenlehrer hielt gern lange Monologe. Einmal erklärte er, wir könnten uns nie sicher sein, dass wir wirklich wüssten, was wir zu wissen glaubten – nicht einmal, ob im Klassenzimmer nebenan Stühle und Tische stünden. Selbst wenn wir kurz zuvor dort gewesen wären, könnten sie inzwischen verschwunden sein – vielleicht einfach so, ohne Spuren, oder weil jemand sie entfernt hat, während wir nichts davon mitbekamen.

Damals hielten wir das für Spinnerei. Ich ahnte nicht, dass er mir ein Samenkorn mitgab, das Jahre später keimen würde.


Vom Samenkorn zur Keimung

Mehr als zehn Jahre lag dieses Samenkorn still. Ich hing zu sehr an falschen Vorstellungen – etwa, dass Männer trinkfest sein müssten. Ich hielt an unsinnigen Narrativen fest, auch wenn manchmal Fragen in mir aufblitzten: Findest du dein Leben wirklich lebenswert? Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Fragen, die ich schnell wieder wegtrank.

Erst als ich Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein las, verstand ich, was mein Lehrer gemeint hatte: Dass fast all unser Wissen aus zweiter Hand stammt, selten überprüft, oft nur geglaubt. Und dass die Sicherheit, die wir im Wissen suchen, trügerisch ist.

Heute bin ich froh, dass ich mich erinnert habe – und den Mut fand, mein Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Eine Perspektive, die mir zeigte, dass eine konstruktivistische Sicht nicht nur eine Denkrichtung ist, sondern eine Kraft, die ein Leben aus eingefahrenen Bahnen ziehen und neu ausrichten kann.


Welche „Samenkörner“ aus deiner Vergangenheit haben bei dir erst Jahre später ihre Wirkung entfaltet – und wie haben sie dein Denken verändert?


Reflexionsimpulse

Wer möchte, darf gern noch ein wenig weiter denken. Über Selbstreflexion kannst du einige „verborgene Schätze“ erkennen.

  • Welche Überzeugungen oder Routinen in deinem Leben stammen noch aus deiner Kindheit oder Jugend?
  • Gibt es Sätze, Begegnungen oder Erlebnisse, die damals unbedeutend wirkten, heute aber eine besondere Bedeutung haben?
  • Wann hast du zuletzt eine deiner „Gewissheiten“ bewusst hinterfragt – und was ist daraus entstanden?
  • Woran würdest du merken, dass ein altes Anpassungsmuster dich heute noch lenkt?