Vielleicht ist „verblendet“ ein großes Wort. Gemeint ist etwas viel Alltäglicheres.

Ich formuliere es direkt:
Wir irren uns alle. Nicht selten. Und oft dort, wo wir uns am sichersten fühlen.

Das ist kein Vorwurf. Es ist eine nüchterne Beschreibung.

Es gibt einen gut erforschten Mechanismus im Denken. Er sorgt dafür, dass wir Argumente, die zu unserer eigenen Meinung passen, milder prüfen. Und Argumente, die uns widersprechen, besonders streng. Wir merken das meist nicht. Es fühlt sich an wie „vernünftiges Denken“. In Wirklichkeit verteidigen wir oft das, was wir ohnehin glauben.

Das betrifft nicht nur bestimmte politische Richtungen. Es betrifft alle. Unterschiedlich. Aber strukturell ähnlich.


Verblendung heißt nicht: schlechte Motive

Wenn ich hier von „Verblendung“ spreche, geht es nicht um schlechte Motive oder fehlende Klugheit, sondern um eine typische Denkstruktur.

Man kann sehr klug sein – und trotzdem verzerrt urteilen.
Man kann gebildet sein – und dennoch vor allem das sehen, was ins eigene Weltbild passt.

Unser Denken funktioniert nicht wie ein neutraler Richter. Eher wie eine Anwältin, die die eigene Seite verteidigt.

Das geschieht automatisch. Es ist Teil unserer kognitiven Ausstattung.


Warum das so ist

Wir gehören zu Gruppen.
Gruppen geben uns Sicherheit.
Unsere Meinungen werden Teil unserer Identität.

Wenn jemand unsere Überzeugung angreift, fühlt es sich schnell an, als würde man uns selbst angreifen. Dann verteidigen wir uns. Oft ohne es zu merken.

Dazu kommt: Die Welt ist komplex. Klare Positionen geben Halt. Wer ständig alles infrage stellt, verliert Orientierung. Unser Gehirn sucht Stabilität. Stabilität ist jedoch nicht dasselbe wie Wahrheit.


Woran man merkt, dass man feststeckt

Es gibt keine sicheren Beweise, aber Hinweise:

  • „Das ist doch offensichtlich.“
  • starke Empörung
  • das Gefühl, eindeutig im Recht zu sein
  • schnelle Abwertung des Gegenübers
  • keine ernsthafte Bereitschaft, sich irritieren zu lassen
  • die Überzeugung, die eigene Seite sei grundsätzlich vernünftiger

In solchen Momenten verteidigen wir oft mehr als ein Argument. Wir verteidigen ein Selbstbild.

Ein kleines Alltagsbeispiel: Man liest eine Schlagzeile, die das eigene Weltbild bestätigt – und teilt sie sofort. Ohne genau hinzusehen.


Nicht alle gleich – aber alle betroffen

Jeder hat andere blinde Flecken.

Man kann in wirtschaftlichen Fragen differenziert denken und bei moralischen Themen stark vereinfachen. Oder umgekehrt.

Es gibt keinen neutralen Aussichtspunkt, von dem aus man sich selbst vollständig objektiv betrachten kann. Selbstreflexion hilft. Aber auch sie bleibt begrenzt.


Welche Haltung hilft?

Es geht nicht darum, keine Position mehr zu haben. Und auch nicht darum, alles zu relativieren.

Hilfreich ist eine bestimmte innere Haltung.

Demut im Denken.
Der einfache Satz: Ich kann mich irren. Auch dann, wenn ich mich sicher fühle.

Gleiche Maßstäbe.
Würde ich dieses Argument genauso fair prüfen, wenn es von der eigenen Seite käme?

Widerspruch aushalten.
Manche Fragen sind komplex. Zwei Perspektiven können gleichzeitig etwas Richtiges enthalten.


Vier Fragen zur Selbstprüfung

Bevor man sich festlegt oder öffentlich Stellung bezieht, können diese Fragen helfen:

  1. Welche Information würde mich wirklich zum Umdenken bringen?
  2. Habe ich die stärkste Version der Gegenposition verstanden?
  3. Prüfe ich meine Argumente genauso kritisch wie die anderer?
  4. Reagiere ich gerade sachlich – oder verteidige ich ein Zugehörigkeitsgefühl?

Diese Fragen lösen keine Probleme automatisch. Sie verlangsamen. Und Verlangsamung schafft Klarheit.

Wer Verzerrung ausschließlich bei anderen vermutet, übersieht sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im eigenen Denken.
Manchmal geht es gar nicht um noch ein Argument. Manchmal geht es darum, die eigenen blinden Flecken zu bemerken.