Plausible Ängste
Wenn ich meinen Weg gehe, begegne ich unterschiedlichen Hindernissen: sichtbaren, kaum zu bemerkenden und eingebildeten. Doch hinter diesen Hindernissen stehen Ängste – und sie sind sehr verschieden.
Es gibt die plausiblen Ängste. Sie richten sich auf reale Gefahren, die meine volle Aufmerksamkeit verdienen: ein Stolperstein auf dem Pfad, ein Abgrund, wilde Tiere. Diese Ängste haben ihren Sinn, denn sie machen mich wacher und schützen mein Leben.
Angelegte und erlernte Ängste
Daneben gibt es Ängste, die erlernt oder in uns angelegt sind. Dazu gehört die Scheu vor Spinnen oder Schlangen. Sie liegt tief in unserer Entwicklungsgeschichte verankert und konnte über Jahrtausende überlebenswichtig sein. Ob daraus heute Angst wird, hängt davon ab, was ich gelernt habe und wie ich im Leben geprägt wurde.
Ängste aus frühen Prägungen
Dann gibt es Ängste aus frühen Prägungen. Sie wurden in Situationen geformt, in denen ich als Kind vielleicht hilflos war oder bestimmte Botschaften von Erwachsenen übernommen habe. Solche Ängste sind oft nicht mehr plausibel, wirken aber nach. Sie tauchen auf als ein Unbehagen, das gar nicht recht in die Gegenwart passt, oder als Vermeidung, deren Ursprung mir unklar ist.
Eingebildete Ängste
Und schließlich sind da die eingebildeten Ängste. Sie entstehen in meinem Kopf, wenn ich Zukünftiges vorwegnehme, das weder sicher noch wahrscheinlich ist. Sie zeichnen Monsterfratzen in den Nebel: die Furcht, zu scheitern, nicht zu genügen, enttäuscht oder zurückgewiesen zu werden. Solche Ängste lähmen mich am meisten, weil sie mir den Weg verstellen, bevor überhaupt ein Hindernis da ist.
Die Anerkennung des Faktischen
Hier kommt für mich die Anerkennung des Faktischen ins Spiel. Das heißt in verständlicher Form: Ich nehme ernst, was wirklich da ist – und ich erkenne zugleich, was nur aus meinen Vorstellungen stammt. Damit schaffe ich Klarheit. Klarheit über mich selbst und über meine Umwelt. Nur so kann ich unterscheiden: Welche Angst verlangt meine Achtsamkeit? Welche ist ein altes Echo? Welche ist bloß Nebel?
Lernen, mit Ängsten umzugehen
Diese Klarheit entsteht nicht von allein. Sie ist ein Lernprozess. Ich kann üben, genauer hinzuschauen, meine Reaktionen zu hinterfragen und meine Ängste einzuordnen. Dabei kann ich vieles selbst lernen. Und ich darf anerkennen, dass es Ängste gibt – etwa traumatische Erfahrungen –, bei denen es sinnvoll ist, professionelle Hilfe zu suchen.
Hilfreich sind dabei Wege, die Menschen seit Jahrhunderten gehen: die Beschäftigung mit den stoischen Lehren, die lehren, zwischen dem zu unterscheiden, was in meiner Macht steht und was nicht. Oder die konstruktivistische Haltung, die mir zeigt, dass mein Weltbild nicht einfach gegeben, sondern gestaltbar ist – und dass ich lernen kann, meine Wahrnehmungen und Deutungen bewusster zu formen.
Hilfe zur Selbsthilfe
Ein Coach oder Begleiter kann in diesem Prozess bestenfalls Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Niemals aber kann er die eigene persönliche Entwicklung ersetzen. Und auch ich selbst sehe meine Aufgabe darin, Hinweise zum Weiterdenken zu geben. An der eigenen Entwicklung aber muss jeder Mensch selbst arbeiten – Schritt für Schritt, so wie er den eigenen Weg geht.
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