„Mir passiert schon nichts …“

Die meisten glauben, Taschendiebstahl trifft immer die anderen. Ich auch. Statistisch betrachtet sogar völlig plausibel. Doch in dem Moment, in dem es mich selbst traf, war mir Statistik egal. Ich war schlicht überrumpelt. Und, das gebe ich offen zu: wütend, hilflos, beschämt.

Vorerkenntnis ersetzt keine sinnvolle Vorbereitung

Kurioserweise hatte ich sogar daran gedacht, mich vor Taschendieben zu schützen. Der Gedanke war da, aber er führte nicht zu sinnvoller Vorbereitung. Kein echtes Wissen, keine Vorsichtsmaßnahme, die im Alltag Bestand gehabt hätte. Mein Schutz war Wunschdenken. Im entscheidenden Moment – ein kurzes Gedränge beim Einstieg in eine Prager U-Bahn, die Tür schloss gerade – war die Geldbörse weg.

Meine Frau war schon drin, ich wollte unbedingt noch aufspringen. Der Drang, dabeizubleiben, war größer als die Achtsamkeit. Im Rückblick fast banal – aber genau darin liegt oft die Schwachstelle: das Leben läuft, wir machen mit, und dann reicht eine Sekunde.

Was wir sehen, hängt davon ab, wo wir stehen

Ich bemerkte es sofort. Und sofort begann das innere Kopfkino. Wer war’s? Ich blickte in Gesichter, suchte nach Schuld. Generalverdacht. Misstrauen. Ich war nicht mehr bei mir, sondern in einem inneren Ausnahmezustand. Typisch für solche Situationen – und doch kein guter Ratgeber.

Heute würde ich sagen: Ich sah nicht die Menschen im Waggon, sondern meine eigene Ohnmacht. Ich interpretierte, konstruierte, suchte nach Halt in einer plötzlichen Unsicherheit. Die Kontrolle war weg – also suchte ich Schuld.

Der Moment der Wahrheit

Ich stieg an der nächsten Station aus, wie in Trance. Kein Täter, keine Spur, kein Plan. Nur die Erkenntnis: Der Urlaub hat gerade eine Wendung genommen. Und zwar keine, die ich mir vorgestellt hatte.

Ich stand auf dem Bahnsteig, innerlich leergesogen. Das Denken schoss kreuz und quer. Was war alles im Geldbeutel? Bargeld, Kreditkarte, Ausweis, Führerschein, Fahrzeugpapiere. Natürlich alles an einem Ort. Warum eigentlich?

Die stoische Antwort: Es ist passiert. Ich kann es nicht ändern. Also: Was liegt jetzt in meiner Macht? Was muss ich tun?

Erster Schritt: Handlungsfähigkeit zurückgewinnen

Meine Frau machte mich auf zwei Polizisten aufmerksam. Wir verständigten uns mit Gesten, und ein Polizist zeigte mir den Weg zur nächsten Polizeiwache. Dort angekommen: ein Formular auf Deutsch, eine Dolmetscherin hilft. Ich fülle es aus. Und merke, wie sich das erste Gefühl der Ohnmacht langsam auflöst. Ich handle wieder.

Es ist nicht der äußere Verlauf, der entscheidet, sondern meine Haltung zu ihm. Ich bin nicht mehr nur Reaktion – ich bin wieder Subjekt. Auch wenn der Kontrollverlust nachwirkt.

Gedankenkarussell und abstruse Hoffnung

Während das Protokoll erstellt wird, dreht sich innerlich alles weiter: Warum war ich so unvorsichtig? Warum hatte ich keine Notfallnummern gespeichert? Warum keine Kopien?
Ich konstruiere Szenarien, wie ich den Dieb finde. Wie ich ihm begegne. Wie ich vielleicht meine Sachen zurückbekomme. Irgendwo dazwischen keimt eine unwahrscheinliche Hoffnung: Vielleicht taucht der Geldbeutel ja auf?

Ich weiß, wie irrational das ist. Aber möglich wäre es.

Dann klopft es

Ein Mann betritt die Polizeiwache. Ich beobachte ihn nur beiläufig – bis er einen schwarzen Gegenstand aus der Tasche holt. Und plötzlich wird aus dem vagen Wunsch ein sehr konkreter Verdacht.

Es ist mein Geldbeutel.

Die Dolmetscherin sagt: Der Mann hat ihn gefunden. Geld fehlt – aber alles andere ist da. Sogar Dinge, die ich gar nicht vermisst hatte. Die Polizei will alles ins Protokoll aufnehmen. Noch mal Geduld. Noch mal unterschreiben.

Ich bedanke mich bei dem Finder. Kein Finderlohn – ich habe ja nichts dabei. Aber meine Dankbarkeit ist ehrlich.

Mit Abstand klarer sehen

Ich gehe zum Automaten, ziehe Geld, sperre vorsichtshalber alle Kreditkarten, die ich in diesem Urlaub nicht mehr brauchen würde. Und atme durch.

Es ist nicht alles gut. Aber auch nicht alles verloren. Ich bin um eine Erfahrung reicher – und um ein paar Illusionen ärmer. Ich habe gesehen, wie schnell sich innere Sicherheit verflüchtigen kann. Wie leicht wir uns verlieren, wenn das Außen nicht mitspielt. Und wie wichtig es ist, sich wiederzufinden – nicht in der Kontrolle, sondern in der Haltung.

Der Urlaub geht weiter. Aber etwas hat sich verändert. In mir.