Ein Brief im Briefkasten
Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen. Auf dem Weg zum Einkaufen fand ich einen Brief in meinem Briefkasten. Ich konnte nicht anders – ich musste ihn sofort öffnen. Eine Woche zuvor hatte ich einen regelrechten Bewerbungs-Marathon hinter mich gebracht. Alles bei derselben Firma: der Betriebsrat, der Abteilungsleiter, der Hauptabteilungsleiter, der Personalchef – und zum Schluss sogar der Chef und Inhaber persönlich hatten mich interviewt. Alle wollten herausfinden, ob ich zur Stelle passte.
Einfacher Job, große Bedeutung
Dabei ging es nicht um eine Führungsposition, sondern um einen einfachen Hilfsarbeiterjob: Broschüren und Muster verpacken, Pakete schnüren, versandfertig machen. Eine Tätigkeit ohne besondere Anforderungen – und doch war sie für mich zu diesem Zeitpunkt entscheidend. Ich war pleite. Aber ich wollte, wenn möglich, nicht von staatlichen Zahlungen abhängen.
Ein ungewöhnlicher Zugang
Ich kannte die Firma schon – einige Monate zuvor hatte ich über eine Zeitarbeitsfirma dort gearbeitet. Damals hatte mir der Teamleiter im Vertrauen gesagt, dass vielleicht eine Stelle frei werde. Als mich die Zeitarbeitsfirma vorzeitig kündigte – ich hatte mich über eine nicht gezahlte Akkordzulage beschwert –, erinnerte ich mich an ihn. Statt mich durch Empfang und Vorzimmer zu kämpfen, klopfte ich direkt ans Fenster der Abteilung. Unkonventionell, aber ehrlich. Diese Szene sorgte längere Zeit für Gesprächsstoff, und ich wurde häufiger damit aufgezogen.
Die erste Bewerbung meines Lebens
Ich folgte der Aufforderung des Teamleiters und schrieb meine erste Bewerbung überhaupt. Jahre später, als ich sie noch einmal las, war sie mir fast peinlich. Doch damals – damals war sie mein Versuch, für mich einzustehen, ohne Maske, ohne Taktik.
Und jetzt hielt ich die Antwort in der Hand.
Ich hatte nicht gespielt – ich war einfach ich
Ich war nervös. Mein Auftreten bei den Gesprächen war nicht glatt gewesen – Ecken und Kanten hatten sich gezeigt, meine teils widerspenstige Art. Aber ich hatte mich nicht verbogen. Ich hatte mich gezeigt, wie ich bin. Und trotzdem – oder gerade deshalb – hatten sie sich für mich entschieden.
Ein stilles Glück
Ich war überwältigt. Ein leiser, tiefer Strom aus Freude und Erleichterung durchzog mich. Kein Feuerwerk, kein Siegestaumel – nur ein inneres Aufatmen. Endlich hatte etwas funktioniert. Nach einigen Enttäuschungen, Rückschlägen, Abwertungen war da auf einmal ein kleines Zeichen: Du wirst gesehen. Du wirst gebraucht. Du darfst mitmachen.
Eine Mark – und ein Lächeln
Ich lief auf der Straße weiter, innerlich ein paar Zentimeter größer. Der alte Obdachlose, der mich regelmäßig um eine Mark anschnorrte, kam mir entgegen. Ich gab ihm zwei. Er grinste: „Hast wohl im Lotto gewonnen?“ – „So ähnlich“, sagte ich.
Mehr als nur ein Job
In diesem Moment war alles gut. Nicht perfekt. Nicht dauerhaft. Aber gut. Ich hatte etwas erreicht – etwas, das für andere vielleicht belanglos wirkte. Doch für mich bedeutete es viel. Es war kein Glück, das man herbeiredet oder visualisiert. Es war ein Glück, das sich zeigt, wenn man sich nicht aufgibt. Wenn man bei sich bleibt, selbst wenn die Umstände einen zu verbiegen versuchen.
Ein kurzer Moment, der lange wirkt
Wie so oft hielt das Hochgefühl nicht lange an. Aber es hat etwas in mir verschoben. Es hat mir gezeigt, dass ich nicht perfekt sein muss, um weiterzukommen. Dass ein kleiner Erfolg mehr wert sein kann als große Versprechen. Und dass ein Moment wahren Glücks nicht laut sein muss – nur echt.
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