Der folgende Text stammt aus dem „Tao te king“ von Laotse,
in der Übersetzung von Richard Wilhelm:

„Geht der große Sinn zugrunde,
so gibt es Sittlichkeit und Pflicht.
Kommen Klugheit und Wissen auf,
so gibt es die großen Lügen.
Werden die Verwandten uneins,
so gibt es Kinderpflicht und Liebe.
Geraten die Staaten in Verwirrung,
so gibt es die treuen Beamten.“

Der Text ist über zweitausend Jahre alt.
Er beschreibt Zustände.

Wenn der große Sinn fehlt

Über Werte wird viel gesprochen.
Sie stehen in Leitbildern, Programmen und Selbstbeschreibungen.
Sie werden formuliert, eingefordert, überprüft.

Gleichzeitig wirken sie oft wie etwas Äußeres.
Nicht als innerer Maßstab, sondern als Regelwerk.
Als Pflicht, nicht als Haltung.

Man weiß, was gesagt werden sollte.
Weniger klar ist, wofür man selbst steht.

Wenn Klugheit und Wissen dominieren

Informationen sind jederzeit verfügbar.
Einordnungen werden gleich mitgeliefert.
Studien, Zahlen und Expertisen stehen bereit.

Und dennoch wächst das Misstrauen.
Nicht aus Mangel an Wissen,
sondern aus seiner Verwendung.

Argumente wechseln je nach Kontext.
Fakten stehen nebeneinander, ohne Verbindung.
Erkenntnisse werden zitiert oder übergangen.

Wissen ist präsent.
Verstehen bleibt unsicher.

Wenn Nähe brüchig wird

Über Familie wird viel gesprochen.
Über Verantwortung, Zusammenhalt, Loyalität.

Gleichzeitig wirken viele Beziehungen distanziert.
Nicht offen zerbrochen,
aber innerlich angespannt.

Wo Nähe fehlt, wird sie eingefordert.
Wo Verbindung schwächer wird, wird sie betont.

Liebe erscheint als Pflicht.
Nicht als gelebte Selbstverständlichkeit.

Wenn Ordnung wichtiger wird

Unsicherheit wächst.
Der Wunsch nach Stabilität ebenso.

Loyalität gewinnt an Gewicht.
Zuständigkeiten werden klarer gezogen.
Regeln konsequenter befolgt.

Widerspruch stört.
Zweifel verunsichert.
Fragen verzögern.

Rollen werden erfüllt.
Abläufe funktionieren.
Und dennoch bleibt Unruhe.

Der Text benennt nichts weiter.
Er ordnet nicht ein.
Er zieht keine Schlüsse.

Er zeigt, was sichtbar ist.