Neulich bin ich über einen Satz gestolpert:
„Akzeptiere, was du nicht ändern kannst. Arbeite hart an dem, was du kannst.“
Der erste Teil klingt vertraut. Die Stoa würde zustimmen:
Unterscheide zwischen dem, was in deiner Macht steht, und dem, was es nicht tut.
(Epiktet, Handbüchlein, §1)
Die Unterscheidung zwischen dem, was in meiner Macht steht, und dem, was es nicht tut, hat für mich etwas Entlastendes. Sie nimmt Druck raus und erinnert daran, nicht überall kämpfen zu müssen.
Beim zweiten Teil bleibe ich hängen.
Nicht sofort, eher mit ein bisschen Verzögerung.
„Arbeite hart an dem, was du kannst.“
Da fängt es bei mir an, in verschiedene Richtungen zu kippen.
Zunächst könnte man es ganz schlicht lesen:
Kümmere dich um dein Handeln. Übernimm Verantwortung für das, was du beeinflussen kannst.
Das wäre für mich gut anschlussfähig an (mein) stoisches Denken.
Und dann meldet sich eine andere Deutung, leiser, aber beharrlich.
In meinem Kopf rutscht der Satz in Richtung Leistungsaufforderung.
Von Haltung zu Anstrengung. Von Verantwortung zu Steigerung.
Vielleicht liegt das an mir.
Vielleicht auch daran, wie stark Leistungslogik heute unseren Blick prägt.
Ich merke jedenfalls, dass ich bei solchen Formulierungen inzwischen automatisch frage:
Was genau ist hier eigentlich gemeint?
Was mir dabei auffällt: Es wird nicht gesagt, für wen diese Anstrengung gedacht ist.
Für mich selbst? Für meine Entwicklung, meine Beziehungen, mein Leben?
Oder für Zusammenhänge, in denen andere an meiner Leistung mitverdienen?
Leistung steht selten für sich.
Sie ist fast immer eingebettet in Strukturen und Erwartungen.
Das ist nicht per se falsch. Aber ich finde, es macht einen Unterschied, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht.
Meine persönliche Lesart dieses Satzes ist deshalb keine Absage an Anstrengung.
Sie ist eher eine Einladung, genauer hinzuschauen, wofür ich meine Kraft einsetze.
Und ob das, was ich tue, für mich und für andere auf Dauer stimmig bleibt.
An diesem Punkt fängt für mich Verantwortung erst richtig an.
Mich interessiert, wie du das siehst. Wenn du magst, teile deine Gedanken unten in den Kommentaren – ich lese und beantworte sie gern.
Anmerkungen und Hinweise
Verantwortung
Verantwortung heißt hier für mich auch, hinzuschauen, wem mein Einsatz nutzt. Ob er mir selbst, meinem Umfeld und dem Gemeinwohl dient – oder ob ich vor allem Erwartungen erfülle, die anderen Menschen wirtschaftliche Vorteile bringen.
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