Ich denke viel nach. Nicht immer linear, oft im Gespräch mit mir selbst. Dieses Gespräch ist eine Momentaufnahme.

Heiner:
Mich hat eine Reportage auf arte zu dem Gedanken gebracht, dass es – ganz gleich, wie sehr versucht wird, Menschen zu spalten – immer auch Menschen gibt, die dem etwas entgegensetzen, indem sie menschlich bleiben. Sie helfen sich weiterhin gegenseitig. Sie helfen auch ausgegrenzten Gruppen, etwa Migranten. Ich vermute, dass das viel mit Beziehung zu tun hat. Wer Menschen in Bedrängnis konkret erlebt, ist eher bereit, ihnen zu helfen.

Heinrich:
Vielleicht ist genau das der Punkt: Beziehung korrigiert abstrakte Bilder.
Wer Menschen konkret erlebt, reagiert weniger auf Narrative und mehr auf das, was vor ihm steht.

Heiner:
Meinst du mit „abstrakten Bildern“ Vorstellungen, die Menschen mit sich herumtragen, noch bevor es überhaupt zu einer Begegnung kommt?

Heinrich:
Ja. Abstrakte Bilder entstehen oft ohne Erfahrung. Sie füllen die Lücken, solange keine reale Begegnung da ist, die sie relativiert.

Heiner:
Dazu fällt mir eine kleine Geschichte aus unserer Kindheit ein, wir waren etwa zehn Jahre alt. Damals machten Erwachsene eine sogenannte „Siedlungsbande“ für vieles verantwortlich, was als kriminell galt. Es gab sogar konkrete Familiennamen, denen nachgesagt wurde, sie seien so asozial, dass ihre Kinder zwangsläufig kriminell würden. Einer dieser Jungen, etwa in unserem Alter, eines von sechs Geschwistern – mehr als drei Kinder galten damals schon als verdächtig – stand uns eines Tages plötzlich gegenüber. Ich hatte Angst, weil er als aggressiv und gewalttätig beschrieben wurde.
Er fragte, ob ich XYZ kenne – ein Nachbarskind und Freund. Er meinte, XYZ könne unglaublich gut Fußball spielen. So kamen wir ins Gespräch. Und dabei veränderte sich etwas: Das Bild in unserem Kopf passte plötzlich nicht mehr. Er wirkte völlig normal, ganz anders als das, was wir vorher gehört hatten.

Heinrich:
Wenn wir darauf zurückschauen, merken wir, wie früh wir gelernt haben, fremde Deutungen für Wirklichkeit zu halten. Das Bild war längst da, bevor wir ihm begegnet sind. Und es kam nicht aus unserem Erleben, sondern aus dem, was Erwachsene über andere gesagt haben. Erst die Begegnung hat etwas verschoben – nicht durch Diskussion, sondern durch etwas sehr Alltägliches.
Aus heutiger Sicht, nach all den Jahren, erkennen wir darin ein Muster: Beziehung wirkt leise, aber nachhaltig. Sie ersetzt keine Analyse, aber sie relativiert Zuschreibungen. Und genau deshalb halten sich Vorurteile dort am hartnäckigsten, wo Begegnung fehlt.

Heiner:
Ich denke, das lässt sich gut auf unsere heutige Situation übertragen. Wir sind umgeben von Meinungen, Analysen und Fakten, die wir selbst kaum überprüfen können. Oft wissen wir schlicht nicht, was tatsächlich passiert ist. Wir waren nicht dabei. Es handelt sich also fast immer um Informationen aus zweiter oder dritter Hand.

Heinrich:
Ja, das lässt sich gut übertragen. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass Information ohne eigenes Erleben leicht zur Ersatzwirklichkeit wird. Wenn uns die unmittelbare Beziehung fehlt, greifen wir auf Deutungen zurück – oft unbemerkt. Das erklärt, warum Gewissheiten heute so schnell entstehen und warum sie sich so hartnäckig halten, obwohl wir selbst gar nicht dabei waren.

Heiner:
Gleichzeitig bemühen sich etwa im Fernsehen – zumindest im öffentlich-rechtlichen Bereich – viele Redaktionen um sorgfältige Recherche und darum, die Dinge möglichst korrekt darzustellen. Von irgendwoher müssen wir unsere Informationen ja beziehen. Wir können schließlich nicht überall selbst dabei sein.

Heinrich:
Das stimmt, und das sollten wir nicht kleinreden. Wir sind darauf angewiesen, Informationen von außen zu beziehen, und es ist sinnvoll, dass es Redaktionen gibt, die sich um Sorgfalt und Einordnung bemühen. Nach all den Jahren wissen wir auch, dass vollständige Unabhängigkeit oder absolute Wahrheit kaum erreichbar sind – schon weil Auswahl, Perspektive und Sprache immer mitwirken.
Entscheidend scheint mir aber etwas anderes, das zu unserer Ausgangsbeobachtung zurückführt: Information ersetzt kein Erleben. Sie kann Orientierung geben, aber sie bleibt indirekt. Sobald wir das vergessen, beginnen wir, Informationen wie eigene Erfahrungen zu behandeln – und reagieren emotional so, als hätten wir selbst etwas erlebt. Genau dort wird es anfällig für Spaltung. Beziehung und eigenes Erleben wirken hier wie ein Korrektiv, das uns wieder erdet.

Heiner:
Was können wir also tun, damit wir nicht unbemerkt auf verzerrte Darstellungen, Rahmungen oder auch gezielte Falschinformationen hereinfallen? Aus Erfahrung wissen wir ja: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Wie also umgehen mit Informationen, die wir selbst weder einordnen noch bewerten können?

Heinrich:
Aus unserer Erfahrung hilft zuerst ein kleiner innerer Schritt: nicht sofort reagieren. Wenn uns etwas innerlich packt, ist das oft ein Hinweis darauf, dass wir gerade mehr fühlen als wissen. Dann lohnt es sich, innezuhalten und zu unterscheiden: Was habe ich selbst erlebt – und was habe ich nur gehört oder gesehen?
Wir haben gelernt, Informationen eher als Angebote zur Orientierung zu behandeln, nicht als Wirklichkeit. Sie dürfen offenbleiben, ungeklärt, auch widersprüchlich. Das entlastet. Und es führt uns zurück zu dem, was wir wirklich haben: unser eigenes Erleben, unsere Beziehungen, unsere konkrete Umgebung. Dort können wir prüfen, nachfragen, in Kontakt gehen. Vorsicht heißt dann nicht Misstrauen gegen alles, sondern Achtsamkeit gegenüber der eigenen inneren Reaktion.

Heiner:
Entlastend wirkt das allerdings nur, wenn wir eine entsprechende Haltung entwickelt haben – eine Haltung, in der wir uns Unsicherheit zugestehen und die Gelassenheit haben, Dinge auch einmal stehenzulassen, ohne gleich in Alarm oder Panik zu geraten. Wir wissen beide: Das ist nicht selbstverständlich. Eine solche Haltung muss geübt werden.

Heinrich:
Ja. Aus unserer Erfahrung entsteht diese Entlastung nur dort, wo wir Unsicherheit aushalten lernen, ohne sie sofort schließen zu müssen. Gelassenheit fällt nicht vom Himmel – sie wächst aus Übung, aus Wiederholung, aus dem Vertrauen, dass nicht jede offene Frage sofort beantwortet werden muss, damit wir handlungsfähig bleiben.

Das Gespräch geht weiter. Nicht hier – aber in uns.


Verantwortung

Verantwortung heißt hier für mich auch, hinzuschauen, wem mein Einsatz nutzt. Ob er mir selbst, meinem Umfeld und dem Gemeinwohl dient – oder ob ich vor allem Erwartungen erfülle, die anderen Menschen wirtschaftliche Vorteile bringen.