Eine Frau, die sich nicht aufhalten ließ

Eine frühere Freundin von mir war evangelische Pastorin – aber ohne Ordination. Die Kirche verweigerte ihr diese, weil sie mit einem Moslem verheiratet war. In der DDR bedeutete das: keine Gemeinde, keine Berufung. Ihr Mann (kein DDR-Bürger) durfte das Land verlassen, also reiste sie mit ihm aus – pro forma. Sie nutzte die Gelegenheit, um sich mit ihm in West-Berlin niederzulassen. Ihr Ziel: Medizin studieren.

Doch bei der Studienberatung riet man ihr ab. Zu alt. Schon ein Studium abgeschlossen. Schlechte Chancen auf einen Studienplatz. Ihre Reaktion war schlicht: „Ich kann das.“

Und sie konnte es. Sie setzte alle Hebel in Bewegung, ließ sich nicht entmutigen, bestand die Aufnahmeprüfung, begann zu studieren – und schloss das Medizinstudium erfolgreich ab. Später ging sie mit ihrer Familie nach England, als sie in Deutschland keine Anstellung fand.

Wie sie das alles geschafft hat? Ich weiß es nicht im Detail. Aber ich weiß: Sie hat es geschafft, weil sie nicht auf das hörte, was andere für wahrscheinlich hielten. Sie hatte ein Ziel – und sie handelte.

War das positives Denken?

Oberflächlich betrachtet: ja. Sie glaubte an sich. Sie blieb optimistisch. Sie hatte ein positives Bild von ihrem Leben und ihren Möglichkeiten.

Doch sie war kein Mensch, der bloß dachte: „Das Universum wird es schon richten.“ Sie wartete nicht. Sie wünschte sich nichts herbei. Sie wurde aktiv – klug, strategisch, entschlossen. Sie erkannte Chancen, wo andere nur Barrieren sahen.

Konstruktives Denken geht tiefer

Konstruktivismus ist mehr als Zuversicht. Es geht nicht darum, an das Gute zu glauben – sondern darum, die eigene Sicht auf die Welt als gestaltbar zu begreifen. Die Grundfrage lautet: Wie deute ich das, was ich erlebe – und wie wirkt diese Deutung auf mein Handeln zurück?

Menschen mit einer konstruktivistischen Haltung fragen: Was macht diese Situation mit mir – und was mache ich daraus?
Sie sehen, dass „Wirklichkeit“ keine objektive Größe ist, sondern immer durch eine Brille betrachtet wird. Diese Brille lässt sich verändern – durch Reflexion, Erfahrung, Bewusstheit.

Nicht denken statt handeln – sondern anders denken, um handeln zu können

Positives Denken wird oft als mentale Technik verkauft: „Stell dir deinen Erfolg vor, dann kommt er zu dir.“ Doch das ist eine Illusion – oder mindestens eine gefährliche Vereinfachung. Wer so denkt, läuft Gefahr, Rückschläge als persönliches Versagen zu deuten. Denn wenn Denken alles ist – was bedeutet es dann, wenn es trotzdem nicht klappt?

Die Frau in meiner Geschichte dachte positiv – ja. Aber sie dachte auch realistisch, wach, mutig. Sie deutete die Situation anders als die Berater in der Studienberatung. Nicht naiv, sondern eigenständig. Und genau das ist der Unterschied.

Konstruktivismus fragt nicht: Wird alles gut?
Sondern: Wie komme ich zu einer Sichtweise, die mir erlaubt, sinnvoll zu handeln?

Was heißt das für uns?

Vielleicht geht es weniger darum, immer positiv zu denken – und mehr darum, bewusst zu erkennen, wie unsere Sichtweise unser Handeln beeinflusst. Wer die eigene Brille kennt, kann sie abnehmen. Denn wer erkennt, dass ein Hindernis auch ein Umweg sein kann, wird handlungsfähig – nicht, weil er das Hindernis wegwünscht, sondern weil er neue Wege sieht.

Ein Impuls zum Schluss

Was wäre, wenn du heute bewusst darauf achtest, wie du eine Schwierigkeit deutest – und ob du sie auch anders sehen könntest?
Nicht schöner. Nicht rosiger. Sondern hilfreicher. Handlungsfähiger. Auflösbar.

Ein kleiner Hinweis
Die Gedanken in diesem Beitrag entspringen meiner eigenen Sicht auf die Dinge – einer Sicht, die sich laufend entwickelt. Beim Schreiben lasse ich mich von Künstlicher Intelligenz unterstützen: für Struktur, Lektorat, SEO und die Gestaltung der Bilder. Die Illustrationen orientieren sich am Stil klassischer japanischer Tuschemalerei – ein Ausdruck für meine Vorliebe für das Leise, das Spielerische, das Offene.
Was ich hier teile, ist kein fertiges Wissen. Es ist ein Zwischenstand auf meiner Reise – vielleicht auch ein Impuls für deine.
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